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Ein Brief aus trüber Zeit
angebrachte sei. Ich wählte schließlich ein schwarzes Kleid nebst einfachem rundem Hut, da ich mir in jedem andern zu „geputzt" und zu „jugendlich" erschien.
Bei der Aufstellung des Planes fand ich meistens Straßennamen, die mir gänzlich unbekannt waren, dann aber auch solche in Mittlern, ja auch in den besten Gegenden. Diese Verschiedenheit der Lage wurde mir bald erklärlich. Die Wohnungen in vornehmen Straßen waren Hansmannswohnuugen, oft in Privathäusern, und sie sind es, die ich mir im Laufe der Zeit zur Erholung nach dem Anblicke von Elend ausgesucht habe. Ich will gleich hier bemerken, daß die Kinder unscrs Schulbezirks selten in „Hinterhäusern" wohnen, da es nur wenige in diesem Stadtteile gibt. Deshalb habe ich über das eigentliche „Hinterhauswesen" nur geringe Erfahrung. Vielleicht könnte davon eine Berliner Kollegin berichten.
Die Wohnungen in den Mittlern Straßen führten mich entweder in Häuser, die durch ein unten liegendes Restaurant das „Herrschaftliche" verloren hatten, oder die zum Teil großen Etagen zeigten schon an der Flurtür durch die zahlreich angebrachten Visitenkarten, daß sie ihren Besitzern durch das Abvermieten an Studenten usw. ermöglicht waren. Meiner Ansicht nach ist das Abvermieten der Verderb unsers Kleinbürgerstandes, denn unsrc vierzehnjährigen Mädchen verkehren schon mit „ihrem Herrn" in einem Tone, der für die Zukunft auf Schlimmes deutet.
Oft findet man in diesen Wohnungen auch den größten Raummangel für die Familie selbst, die sich häufig mit der Küche und einer kleinen Kammer begnügt, die dann so mit Betten vollgestopft ist, daß sich die Leute scheuen, die Lehrerin hineinzuführen. Mehr als einmal bin ich darum in ein Zimmer geführt worden, das sich durch Schlüger, Mützen, Pfeifen usw. als Studentenzimmer legitimierte. Daß ein solcher Besuch deu Stempel des Unruhigen bekommt, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Der Mutter wie mir lag es daran, ihn möglichst rasch abzubrechen, damit ich nicht etwa mit dem zufällig abwesenden „Herrn" in seinem Zimmer zusammenträfe. Zum größten Teil sind mir auch gerade diese Frauen mit ihrer übertünchten Halbbildung und den: gezierten Venehmen recht unangenehm; aber es gibt natürlich auch unter diesen Ausnahmen, nämlich Urbilder prachtvoller Wirtinnen. (Fortsetzung folgt)
Gin Brief aus trüber Zeit
Mitgeteilt von A. Robolski in Halle a. S.
^ ustcw Freytag schildert im vierten und im fünften Buche seines Romans „Soll und Haben" den Aufstand der Polen in der Provinz Posen !im Frühjahr 1848, und namentlich den Kampf der Deutschen gegen die polnischen Insurgenten in und bei einem Städtchen, das er IRosmin nennt.
Bei Besprechung dieses Romans in seinen „Erinnerungen ans meinem Leben" bemerkt Freytag in bezug auf diese Episode: „Für die Handlung des Rvmans fehlte es mir nicht an Erfahrungen; auch die Bilder aus dem pol-
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