132 Vom alten deutschen Zunftwesen
Große gerichteter Ehrgeiz in ihm, aber er nahm die Richtung an, die die Kombination von liberalen Grundsätzen, mystischer Religiosität und starkem Selbstgefühl frei ließ. Was er tat, mußte mit dem Mantel edler Prinzipien umkleidet sein, auch da, Mo Macht- uud Juteressenfragen ihn bestimmten. Er war in der Politik verschlagen uud hinterhaltig und ging doch stets darauf aus, den Schein erhabner Uneigennützigkeit zu erwecken. Seine Geheimnisse wußte er zu wahren wie kein andrer, und doch sind seine politischen Ziele schließlich von fast allen durchschaut worden, die ihm im Kampf der Interessen gegenüberstanden. Napoleon hat ihn einen byzantinischen Griechen genannt, und allerdings wird dadurch eine Seite seines Wesens bezeichnet, in der kaiserlichen Familie, auch in den vertrauten Korrespondenzen, nannte man ihn den Engel, das ist die andre Seite. Die beiden Seelen aber in seiner
Brust haben in stetem Kampf miteinander gerungen, und deshalb wird über den Menschen Alexander das Urteil nie verdammend lauten können. Als Kaiser aber hat er seinem Volke mehr Unheil gebracht als Segen." L. F.
Vom alten deutschen Zunftwesen
von Georg Sievers
>ie beiden landläufigen Ansichten 'über das deutsche Zuuftwesen früherer Zeiten sind einander völlig entgegengesetzt. Die einen sehen darin einen Beweis der Rückständigkeit des „finstern" Mittelalters, einen Ausfluß kurzsichtiger Beschränktheit und Beschränkung ^ von der andern Partei wird es als eine zweckmäßige Regelung des damaligen Wirtschaftslebens, als wohlgclungne Form selbstbewußter Berufsgliederung gepriesen, deren Nachbildung erstrebt werden müsse. Neben diesen Meinungen geht noch eine mehr ästhetische Betrachtungsweise einher, die sich auch wohl mit beiden verbindet: sie erfreut sich der Meisterwerke der alten Zunftgenossen, des poetischen Klanges ihrer biderben Sprüche und Formeln und weidet ihre Blicke an dem matten Glänze sinnvoll geschmückter Zinnkrüge und Zinnschüsseln. Nun. haften landläufige Urteile fast immer an der Oberfläche und umfassen sogar von ihr vielfach nur einen Teil; in den Kern dringen sie nicht ein. Und das hat im vorliegenden Falle seine besonders guten Gründe.
In derselben Weise, wie die Frage nach der Entstehung der Städte in Deutschland, hat auch die Frage nach der Entwicklung der deutschen Zünfte eine Fülle von verschiednen Antworten hervorgerufen, was man sich bei der Eigentümlichkeit des Gegenstandes, der die Verbindung geschichtlicher, rechtswissenschaftlicher und nationalökonomischer Forschung fordert, leicht erklären kann. Wir finden in der altern Zeit eine Anzahl Theorien, die die Zünfte aus einer oder zwei Ursachen Hervorgehn lassen wollen: so zum Beispiel aus den alten römischen Kollegien der Handwerker, den oolls^ig. opitiorun, oder aus