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Die Mobilmachung von ^370
und mehr ins Hintertreffen. Wie tief ist heute die nationalliberale Partei, die einstmals die begeisterte Trägerin des Reichsgedankens war, gesunken, seitdem sie 1879 das Erstgeburtsrecht ihres wohlbegründeten Machtanspruchs, ihrer Teilnahme an der Regierung um das Linsengericht ihrer Prinzipien preisgegeben hat, und es ist ganz vergebliche Arbeit, durch eine stärkere Betonung dieser alten Prinzipien eine Reorganisation der Partei herbeiführen zu wollen. Eine solche wäre wahrhaftig wünschenswert, denn die Rolle, die heute das liberale Bürgertum im Reichstage spielt, entspricht seiner Bedeutung keineswegs, und doch wäre das engste Bündnis des Bürgertums mit dem Kaisertum das natürlichste von der Welt. Aber es wäre nur dann möglich, wenn das Bürgertum wieder mit voller Energie für die innere Einheit der Nation und ihre äußere Machtstellung einträte, wenn es also im Innern die Beseitigung der zahlreichen Hindernisse, die dem Zusammenwachsen der Nation zum Beispiel ans den? Gebiete des Verkehrslebens und des Berechtigungswcsens noch eutgegenstehn, und die durch Vereinbarungen zu heben die Eiuzelregierungen unfähig zu sein scheinen, offen und nachdrücklich forderte, unter Umständen durch eine Ausdehnung der Reichsgesetzgebung, und wenn es sich nach außen ebenso offen und nachdrücklich zur Welt- uud Kvlonialpolitik bekennen wollte. Freilich die unentbehrliche Grundlage für eine solche wäre die Reichsfinanzreform. Es ist doch auf die Dauer ein unerträglicher und geradezu gefährlicher Zustand, daß das Reich, seitdem sein Finanzwesen durch das Scheitern des Neichseisenbahnprojekts und des Tabakmonopols auf einen toten Strang geraten ist, finanziell nicht auf eigne Füße zu stehn kommt, daß es immer wieder in verstärktem Maße die Matrikularbeiträge, also die roheste Form der Besteuerung, die nach der Kopfzahl, in Anspruch nehmen muß, während der Wohlstand des Volks beständig zunimmt, und die Finanzlage Preußens glänzend ist. Das alte Reich ist nicht zum wenigsten daran zugrunde gegangen, daß es finanziell nicht selbständig zu werden vermochte, weil die kurzsichtige Selbstsucht und der Unverstand seiner Glieder es daran verhinderte. Soll sich das im zwanzigsten Jahrhundert wiederholen?
Männer machen die Geschichte. Solche Männer stehn an der Spitze des Reichs, nur daß man ihnen fortwährend Steine in den Weg wirft. Aber wo sind im heutigen Reichstage Männer, die Geschichte machen? »
Die Mobilmachung von ^870
>n der Rede, die der Kriegsminister Generalleutnant von Einem bei der Enthüllung des Roondenkmcils in Berlin hielt, hob er hervor, wie Noon oft ausgesprochen habe, daß die Mobil- inachungstage von 1870 die ruhigsten seines Dienstlebens ge- I Wesen seien; alle Anordnungen seien so vorbereitet gewesen, daß die Generalkommandos nicht eine einzige Anfrage an das Kriegsmiuisterium zu stellen gehabt Hütten. Dieser Ausspruch, der anscheinend so verwegen klingt,