Die Väter des Nanchestertums.
I. Adam Smith und Ricardo.
n unserm zweiten Artikel (Heft 18) haben wir gesehen, wie sich seit 1776 ein zersetzender Individualismus iu der politischen und sozialen Literatur Englauds geltend machte. Doch gehören die Schriftsteller, die wir auf diesem Gebiete bisher kenne» lernten, in der Hauptsache der theoretischen Staatslehre an. Im folgenden wollen wir die Einwirkung des Individualismus auf die theoretische Gcsellschafts- lehre betrachten, indem wir uns mit Held den englischen Nationalökonomen zuwenden.^)
Die klassische Nationalökonomie Englands beginnt mit dem Werke ^ealtll ok Mtions von Adam Smith, das im Jahre 1776 erschien und, obwohl im Vergleich mit Locke und Hume wenig originell, doch durch die Art und Weise, wie es die einzelnen Grund- und Lehrsätze über wirtschaftliche Verhältnisse zusammenfaßte und das ganze Erscheinungsgebiet systematisirte, die Wissenschaft begründete, die wir Nationalökonomie oder politische Ökonomie nennen. Diese Wissenschaft folgte der Wirtschaftspolizei, sie hinwiederum abzulösen schickt sich die im Entstehen begriffene Sozialwissenschaft an. Sie war die natürlichste Betrachtungsweise über wirtschaftliche Diuge iu der Zeit, die den Absolutismus auflöste, und sie verliert ihren Boden in der Zeit, welche die Aufgabe hat, den organischen Staat neu aufzubauen.
Held rechnet Smith zu den großen Geistern, welche ihre Zeit führen, während er Friedrich List als eine Art Verkörperung des bösen Prinzips erschien, wie er denn überhaupt sehr verschieden aufgefaßt und von Anhängern wie von Gegnern des McmchestertumS als Autorität für deren Tendenzen zitirt worden ist. Dies ist aber erklärlich. Das genannte Werk ist erstens nicht Smiths einziges, sondern man muß es aus seinen andern Schriften ergänzen, wenn man ihn verstehen will. Sodann finden wir, wie Held treffend bemerkt, in den Werken weitblickender, bahnbrechender Geister niemals nur deu geschlossenen Ausdruck einer beschränkten Anschauungswelt, sondern stets zugleich die Brücken sür den künftigen Fortschritt zur Erkenntnis der Wahrheit. Endlich aber bedient sich Smith einer elastischen Ausdrucksweise, so daß man namentlich in theoretischen Fragen immer über seine eigentliche Meinung streiten kann. „Wenn man bedenkt, daß er 1789 eine Theorie der moralischen Gefühle geschrieben hat, und daß in dem 'Msa-Itn. ok NMons selbst schon eine Masse politischer, religiöser
*) Vcrgl. „Zwei Bücher zur sozialen Geschichte Englands," S. 154 bis 204. Grenzbvten II. 1882. 74