Italienische Reisebricfe des Grafen Geßler an Christian Gottfried Körner, 481
zu wagen. Aber die Erkenntnis, wie weit das Leiden bereits gediehen ist, mahnt nur um so dringender an die Notwendigkeit der gründlichen Heilung, Die Heilung aber, die ich allein für möglich halte, beruht am wenigsten auf einem kurzen Universalrezept, einer neu erfundenen Wnnderkur, sondern sie besteht ihrem Wesen uach in der sittlich-religiösen Regeneration der ganzen Nation und ihrer einzelnen Glieder. An das Individuum, an des einzelnen Menschen Herz appellirt diese Heilmethode; soll sie aber wirksam werden, so müssen die großen und kleinen sozialen Gemeinschaften sich ganz und gar ihrer Förderung widmen und mit gewissenhafter Aufmerksamkeit alles vermeiden, was geeignet ist, die Nation und ihre Glieder falschen Zielen nachjagen oder über nebensächlicher Zuthat die Hauptsache vergessen zu lassen. Nicht den bekeuutnisstarren Wunderglauben soll die Kirche, nicht die Allmacht seiner Gesetze der Staat, nicht die Unfehlbarkeit seiner Satzungen soll der Verein als Panacee Hinstelleu, sonst kcmu das „praktische Christentum" nimmermehr die Herrschaft gewinnen in den Herzen von Reich und Arm, welche allein die Kluft, die beide kennt, zn überbrücken imstande ist.
Wir werden die Armut nicht beseitigen durch immer mächtigere Produktion materieller Güter, wir wcrdeu die „Enterbten der Gesellschaft" nicht znr Zufriedenheit führen durch gesetzliche Garantien eines Rechts auf das vermeintlich ihnen vorenthaltene materielle Erbe; Armut und Unzufriedenheit werden bleiben, so lange Menschen die Erde bewohnen. Aber die besondre Krankheit und Gefahr unser Tage können und, müssen wir überwiuden, wenn der Reiche wieder dein Armen helfen lernt ohne Bcttelpslegc nud Armenpflege mit dein Wohlthun, welches den Geber ehrt, ohne den Empfänger zn schänden, mit der christlichen Mildthätigkeit, welche die Linke nicht wissen läßt, was die Rechte thut.
Italienische Reisebriefe des Grafen Geßler an Christian Gottfried Körner.")
Rom d. 19. Novvr. 1796.
Ich bin itzt wieder einmal allein. Senfft ist nach Neapel gerciset, wohin eine unwiderstehliche Neugierdc ihn schon lange trieb. Das römische Klima ist mir
Herr bon Löper macht uns darauf aufmerksam, daß in dem zweiten und dritten unsrer Briefe, sich eiu paar Lesefehler eiugeschlicheu haben dürften- im zweiten müsse es wohl anstatt Val Lugano heißen Val Sng nna (das „bekannte" Suganer Thal sei gemeint), nnd im dritten sei für Graf Rederu Graf Reden einzusetzen (der „bekannte" Direktor der schle fischen Bergwerke). Beide Vermmnngen sind richtig. Indes; sind wir wenigstens betreffs der zweiten Stelle unschuldig, denn Redern steht groß nnd deutlich im Original,