Gladstone und Irland.
ie Zustände in Irland sind, seit wir uns das letztemal mit ihnen beschäftigt, beinahe mit jedem Monate bedenklicher für die Regierung geworden, und die letztere wird sich wahrscheinlich demnächst entschließen müssen, dem Übel mit andern als den bisher augewandten Mitteln zu Leibe zu gehen; denn so erschreckend auch die Lage gegenwärtig schon ist, so droht sie sich doch noch weiter zu verschlimmern. Die Kur, welche das liberale Kabinet versuchte, eine Verbindung von Gewaltmaßregeln und versöhnlichem Vorgehen, ist — darüber kann kaum noch ein Zweifel bestehen - gänzlich mißlungen. Die Glndstonesche Politik hat, wie selbst dessen Parteifreunde eingestchen, das Land nicht nur nicht beruhigt, sondern das gefährliche Fieber, das an ihm zehrt, mit Ausnahme weniger Stelleu des Körpers nur noch gesteigert. Allcuthalbeu im Süden und Westen der Insel weitverbreitete Unordnung, Unsicherheit des Eigentums der Reichen wie der Armen, Einschüchterung uud Bedrohung, Predigen schandbarer Lehren, kaltblütiger, ruchloser Meuchelmord uud andre Missethaten, die man halb entschuldigt, wenn man sie „agrarische Verbrechen" nennt. Die schleichende antisoziale Revolution hat bis jetzt trinmphirt, der Znstand Irlands ist ärger als im Dezember 1880 nach einem sechsmonatlichen Feldzuge der fenischen Landliga. Es ist Pflicht für das liberale Ministerium, so rasch wie möglich die wirksamste Methode zu gründlicher Abhilfe aufzusuchen und sie dann ohne Zandern anzuwenden. Bis jetzt hat das Parlament Herrn Gladstone und seinen Kollegen in dieser schweren Verlegenheit alles bewilligt, was sie verlangten, Zwangsmittel und andrerseits ein Agrargesetz so günstig für die Pächter, daß es vielfach als Uu- lulligkeit gegen die Grundherrcn bezeichnet wurde, und es ist kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß die Laudesvertretuug weiteren Forderungen zur
Grmzboten ll. I88L, 26