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Die Chinesenfrage in den Vereinigten Staaten.
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Die (Lhinesenfrage in den Vereinigten Staaten.

nter den Fragen von allgemeinerem Interesse, welche in jüngster Zeit die Regierung und den Kongreß der Vereinigten Staaten lebhaft beschäftigt haben, nimmt die Chinesenfrage eine der ersten Stellen ein. Für Europa, insbesondre für Deutschland, wird diese Frage zwar voraussichtlich noch lange von keiner großen praktischen Bedeutung sein, wenn anch nicht geleugnet werden soll, daß eine Zeit kommen kaun, wo sie auch für uns von Wichtigkeit wird. Anders aber verhält sich dies mit der nordamerikanischen Union.

Nach der Lebhaftigkeit zu schließen, mit der die Chinescnfrage in den Ver­einigten Staaten iuuerhalb und außerhalb des Kongresses, in der Tagespresse und in Volksversammlungen behandelt wird, scheint die chinesische Einwanderung nach der nordamerikanischcn Union ganz gewaltige Dimensionen angenommen zu haben, und es scheint hohe Zeit zu sein, das amerikanische Volk vor der Über­flutung durch das mongolische Element zu retten. Im Februar und März dieses Jahres fanden in den Paeifiestaaten, z. B. in Kalifornien und Nevada, zahlreich besuchte Volksversammlungen statt, in denen die betreffenden Redner die Chineseuciuwauderung dorthin als eine gefährliche mongolischeInvasion" darstellten, die einen so riesigen Umfang annehme, daß die Unionsrcgierung auf Gruud der Bundesverfassung verpflichtet sei, zunächst die Paeifiestaaten nud dann die Union überhaupt gegen das Überwnchern des chinesischen Elementes zu schützen. Ganze Arbeiternrmeen von 4- bis 5000 Chinesen seien, nachdem sie in Kalifornien gelandet, nach Oregon, nach dem Washingtonterritorium von der Nvrdpaeificbahngesellschaft oder nach Texas von den südwestlichen Bahnkom­pagnien importirt und angeworben worden. An dieser Darstellung mag etwas wahres sein; andrerseits aber ist es Thatsache, daß der offizielle Zensus von 1880, dessen Richtigkeit im wesentlichen nicht angezweifelt wird, in dein genannten Jahre eine chinesische Bevölkerung von 105 465 Köpfen für die ganzen Vereinigten Staaten auswies, also ungefähr ein Fünftel Prozent der Gesammtbevölkerung der Union.

Die chinesische Einwanderung begann bald nach dem siegreich beendigten Kriege der Vereinigten Staaten mit Mexiko, der Kalifornien und andre weite Gebiete mit der Union vereinigte, im Jahre 1848. Sie hat es also im Laufe von W Jahrcu nur auf wenig mehr als 100 000 Köpfe gebracht. Man sollte daher glauben, daß dieser Umstand nicht imstande wäre, die Bevölkerung der Union mit Fnrcht nud Besorgnis davor zu erfüllen, daß die Herrschaft der kau­kasischen Rasse in den Vereinigten Staaten durch die mongolische irgendwie