Die Belvederegalerie in Wien.
171
mit adverbiellen Zusätzen auf, so daß sie schlechterdings nur als Adjectiva und Partizipia gefühlt werden können, so mögen sie mit dem kleinen Buchstaben zufrieden sein. Was soll aber dann geschehen, wenn — was ungcmein häufig vorkommt — beide Fälle mit einander vereinigt erscheinen? Man nehme folgende Beispiele, die wir der Kürze wegen nicht erst falsch, sondern gleich so schreiben, wie sie verständigerweisc überall geschrieben werden sollten: das unbedeutende, in der Eile hingeworfene — etwas selbstverständliches, mit Händen greifbares — etwas großes, der ganzen Menschheit ersprießliches — die Forderung des volkstümlichen, stark individuellen — der Charakter des dis- ziplinirten, alle Willkür ausschließenden — eine nach dem pikanten, noch nicht dagewesenen haschende Phantasie — mit Verzicht auf das verlorene und zu uusrer Sicherheit unbedingt notwendige u. s, w.
Man sieht aus diesen Beispielen — und dies zu zeigen war der Zweck auch unsers Zusatzes — wie sehr es sich empfehlen würde, die großen Anfangsbuchstaben im Deutschen entweder ganz fallen zu lassen oder wenigstens auf die wirklichen Substantiv« zu beschränken. Wir wären geneigt, der letztern Maßregel den Vorzug zu geben, nach dem Grundsatze, daß der, der refvrmiren will, nicht mit isvlirtcn Theorien kommen darf, sondern die bei der Masse herrschende Praxis benutzen muß, oder wie Goethe einmal an Zelter schreibt, als dieser mit dein Kopfe durch die Wand wollte: „Zu dem Guten, von dem wir überzeugt sind, die Menschen zu bewegen, dürfe» wir uns nicht unsrer Argumente bedienen, sondern wir müssen bedenken, was vhngefähr die ihrigen wären."
->-
>>-
Die Belvederegalerie in Wien.
as Stillleben, welches die kaiserlichen Kunstsammlungen in Wien lauge Zeit hindurch geführt haben, ist in den letzten Jahren einer erfreulichen Regsamkeit gewichen. Die neuen, von Senrper entworfenen, von Hasencmer leider sehr „selbständig" zn Ende geführten Museumsgebände ermöglichen endlich die Vereinigung uud systematische Nnvrduung der bisher zersplitterten, in der Hofburg, dem obern und dem untern Belvedere untergebrachten Kunstschätzc; gleichzeitig soll aber auch der wissenschaftliche Apparat hergestellt werden, dessen es zum Studium der Sammlungen bedarf, lind den man in Wien bisher schmerzlich vermißte — ein ebenso großes wie verdienstliches Unternehmen, da die Arbeit für einzelne Samm-