Der neue russische Minister des Auswärtigen.
ie vergangene Woche brachte aus Petersburg eiue Nachricht, welche auf die deutsche wie auf die österreichische und englische Presse wie plötzlich blau werdender Himmel nach wvchenlanger Bewölkung wirkte. Auf schwere Beklemmung folgte der Kunde von der Ernennung des Barons v. Giers zum Chef des Departements der auswärtigen Angelegenheiten in Rußland ein Gefühl der Beruhigung und Sicherheit, welches im Osten alle Sorgen und Gefahren wie durch Zauber verschwunden und eine Ära ungetrübten Friedens eröffnet zu sehen schien. Auch wir freuen uns des Ereignisses aufrichtig, aber nur als eines neuen Beweises für die von uns niemals ernstlich in Zweifel gezogene friedliebende Gesiuuuug des Kaisers Alexander: denn die Bedenken, die uns Rußlands Zustände sonst einflößten, sind damit nur für die Gegenwart beschwichtigt, keineswegs für die Znkunft hinweggeräumt.
Die Grundsätze und Ziele der Politik des Zaren waren bekannt. Sie waren in dem vor ungefähr Jahresfrist, bald nach der Thronbesteigung des selben crgcmgenen Rundschreiben dargelegt. Die Sorge des Kaisers sollte nach dieser Kundgebung vor allem den innern Arbeiten gewidmet sein, welche der Fortschritt des bürgerlichen Lebens und" die wirtschaftlichen nud sozialen Interessen erheischten, die heute Hnuptgegcustand der Bemühnngen aller Regierungen seien. Rußlands auswärtige Politik werde, so erfuhrcu wir weiter, eine wirklich friedliche sein, es werde seineu Freundschaften, seinen ihm überlieferten Sympathien treu bleiben. Indem Rußland sich die Stellung wahre, welche ihm im Konzert der Mächte gebühre, und indem es über die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts wache, soweit seine eignen Interessen davon berührt würden,- halte es sich für solidarisch in Betreff des Weltfriedens, der auf der Achtung
Grenzlwtcn II. 18L2, 20