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Die Fortschritte in der antiken Kunstgeschichte während des letzten Jahrzehnts. 4.
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Die Fortschritte in der antiken Kunstgeschichte

während des letzten Jahrzehnts.

von Hugo Blü inner. 4.

nsre Leser werden sich einer Notiz erinnern, welche bald nach Neujahr 1881, znm Teil sogar als telegraphische Depesche, dnrch sämmtliche Zeitnngcn ging: der Bürgermeister von Athen meldete dem Lvrdmahvr von London im pomphaftesten neuhellenischen Stile die Auffindung dersiegreichen Athene, des Meisterwerkes des Phi- dias!" Es war sehr ergötzlich, die verschiedenen Glossen zn lesen, welche die Zeitungen mit Hilfe schnell aufgeschlagener Konversationslexika dieser Mitteilung beifügten. Einige waren in der That naiv genug, nllcu Ernstes an die Wieder- auffinduilg der ehernen Promachos oder gar der goldelfenbeinernen Parthenos zu glauben! Wir Archäologen sind nun freilich gewöhnt, allen Zeitungsnach­richten gegenüber uns zunächst vollkommen skeptisch zu Verhalten; auch in diesem Falle wußte man, daß die enthusiastische Ausdrucksweise des Bürgermeisters von Athen jedenfalls durch die Wirklichkeit bedeutend herabgestimmt werden würde. Der bald darauf durch zahlreiche Abbildungen und Besprechungen (Vergl, Rövuo ku-oQvvl0Aiau«z, 8. XXII, S, 4; Michaelis in der Zeitschrift Im neuen Reich für 1881, I. S. 353 ff; Rayet i» der d^ötw Äss dssux g-rts XXIII, S. 249 ff; C. von Lützvw in der Zeitschrift für bildende Kunst XVI. S. 237 ff; K. Lange in den Mitteilungen des archäologischen Instituts in Athen VI, S. 56 ff.) näher bekannt gewordene Fund reduzirte sich denu in der That auf eine offenbar aus römischer Zeit stammende, ziemlich gut erhaltene Nachbildung der Athene Parthenos des Phidias von etwas unter einem Meter Höhe. An knnsthistorischer Bedeutung kann sich diese neue Kopie trotz der besseren Erhal­tung uud sorgfältigeren Ausführung doch nicht messen mit der kleinen, roh ge­arbeiteten und unvollendeten Statuette, die Lenormant als Kopie der Parthenos erkannt hatte und der wir die wichtigsten Aufschlüsse über jenes Meisterwerk des Phidias verdanken. Was man aus dieser betreffs der Stellung, Haltung, Bekleidung der Göttin entnommen hatte, fand durch den neuen Fund seine er­wünschte Bestätigung; hinsichtlich des Schildes und sciner Bildwerke, sowie der Verhältnisse der Basis ist die Lenormantsche Statuette sogar treuer und daher lehrreicher als die neugefnndene. Immerhin verdankt man auch dieser einige nicht unwesentliche Aufschlüsse. So namentlich über die Gestalt des Helmes, welcher bei jener nur ungenügend wiedergegeben ist; ferner über die Stellung der auf