Freiligrath in seinen Briefen.
it Freiligrath schied im Jahre 1876, wenn nicht der bedeutendste, sv doch sicher der originalste Lyriker aus dem Leben, den Deutschland in diesem Jahrhundert hervorgebracht hat. Er hatte gleich bei seinem ersten Auftreten die hergebrachten Geleise stimmungsvoller Lyrik verlassen und iu den von ihm iu kräftigen Farben entworfenen, mit lebendigster Anschaulichkeit vorgestellten poetischen Bildern, sowohl dem Stoff als auch der Behandlung und Form nach, ganz neue Bahnen beschritteu. Dieser seiner Dichtweise blieb er auch später, als er, von den hochgehenden Wogen des Freiheitstaumelö der vierziger Jahre mit fortgerissen, sich der Zeitdichtung zuwandte, im wesentlichen treu. Obwohl es ihm keineswegs an den Tönen warmer, inniger Empfindung gebrach, wie das allbekannte rührende „O lieb', so lang du lieben kannst" und so manches andre Gedicht beweist, so trat doch diese Seite seines Wesens so sehr hinter den stolz einherschrcitendcn, prächtig klingenden Versen zurück, daß man schon frühzeitig in seinen Poesien mehr „Huf- als Herzschlag" finden und sogar dem Dichter selbst jedes wärmere Gefühl absprechen wollte. Da treten nun ergänzend seine Briefe ein, die jetzt Will). Büchner in zwei Bänden veröffentlicht hat;*) sie lassen uns einen tiefeu Blick auch in das Herz des Dichters thun, sie lehren uns, daß er eine weichgestimmte, liebende und liebenswerte Seele war. Ingrimmig sagt er selber zu einer ungerechten Kritik seiner Gedichte: „Als ob ich kein Herz hätte, kein Gefühl, keine Seele! — Hab' ich mich denn ganz gegeben, ihr Himmelhunde? Habt ihr mir ins Herz geguckt? Kennt ihr mich denn? Ist ein Band Verse denn der Kerl selber?"
Man mag den Politiker Freiligrath hart tadeln, man mag den Dichter Freiligrath verkleinern, den Menschen Freiligrath muß man aus den vorliegenden Briefen nicht bloß achten lernen, sondern auch wahrhaft liebgewinne». Es spricht aus ihnen eine so kindlich reine, durch und dnrch sittliche Natur, ein so tiefes Empfinden, ein so inniger Familiensinn und eine so treue Anhänglichkeit an einmal gewonnene Frennde, eine sv große Bescheidenheit, eine so ehrliche und wohlmeinende Offenheit, eine so herzhafte Mannhaftigkeit in der Bedrängnis und Not des Lebens, häufig auch ein so liebenswürdiger schalkhafter Humor, daß die Lektüre derselben, auch wo ihr Inhalt nicht bedeutend ist, einen hohen Gennß gewährt, und man bedauert fast, daß der Herausgeber so viel noch hat zurückhalten müssen. Dabei stehen diese Briefe formell sehr hoch; viele von
*) Ferdinand Freiligrath. Ein Dicherleben in Briefen. Von Wilhelm Buchner. Lahr, Moritz Schauenburg. 1882. 2 Bde.