Zwei Faustkommentare.
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von (jni pro quo greift man sich unwillkürlich an den Kopf und fragt sich, vl> man nicht am Ende auch vielleicht der Erdgeist sei.
Auch ein so unbedentender Zug wie der, daß Mephistophelcs es für ein Gesetz der Teufel erklärt, daß sie dort, wo sie hcreingeschlüpft, auch wieder hinaus müßten, wird als symbolisch wichtig für das Ganze ausgedeutet. Der Teufel kam zum Vorschein, als Faust in seiner Bibelübersetzung bei dem Ausspruche anlangte: Im Anfang war die That; und als am Schlüsse des zweiten Teils sich als das Endergebnis der durch Faust gewonnenen Weisheit ergiebt, daß der Anfang des Lebens und der Freiheit die rastlose That sei, wird dem Mephistopheles damit der Weg gewiesen, auf dem er wieder hinaus muß.
Sogar der klare Wortlaut des Dichters muß sich der vorgefaßten Meinung des Interpreten beugen. Fansts großer Fluch wird von Marbach hypothetisch gefaßt, weil sonst Faust schon unrettbar dem Teufel verfallen wäre. Da aber, trotz der anscheinend hypothetischen Form, der Wortlaut dem widerspricht, meistert er die Fassung des Dichters mit deu Worten: „Logik ist das nicht, wohl aber Poesie, die logisch interpretirt lauten würde: Wenn Glvcken- klang nnd Chorgesang, welche mich damals vom Selbstmorde zurückgehalten haben, nichts waren als eiu Trugspiel, dann fluch ich u. s. w."
Doch genug! — In den zweiten Teil der Dichtung, wo es noch viel mehr aus- uud unterzulegen giebt, dem Verfasser zu folgen, müssen wir von vornherein ablehnen. Es ist jedoch anzuerkennen, daß er wenigstens von einer bis ins Einzelne durchgeführten rein allegorischen Deutelei der dort entgegentretenden bunten Erscheinungswelt sich fern hält, vielmehr der Dichtung als solcher in diesem Punkte ihre Rechte wahrt. Daß er im Mummenschanz bei der Elc- Phautengruppe an das moderne Gründertnm und bei Zoilo-Thersites an die Svzialdemokratie deukt, geht nur so nebenher uud soll Wohl nicht ernstlich eine Auslegung sein. —
Ein völlig andrer Geist weht uns an, wenn wir Schröers Faustansgabc aufschlagen. Hier fühlen wir festen Boden unter den Füßen und einen Ausgangspunkt, von dem aus sich zu einer Verständigung gelangen läßt. Schröer steht im „Faust" kein von philosophischer Spekulation eingegebenes Gedicht. Diese blieb Goethe, wie er sehr gut ausführt, bei seinem poetischen Schaffen überhaupt stets fremd. Er ging von einem Augeschauten aus, und diese Anschauung aufzusuchen, ist die Aufgabe des Kommentators, während eine philosophische Erklärung überall scheitern muß.
In seiner Einleitung geht Schröer hauptsächlich auf die Eutstehungsgcschichte des Gedichts ein und kommt da zu vielfach von den verschiedenen bisherigen Annahmen abweichenden Aufstellungen, die eine besondre Prüfung wohl verdienen. Die ursprüngliche Konzeption rückt er weiter hinauf als es gewöhnlich geschieht, schon in das Jahr 1769. Er macht diese Annahme ziemlich wahrscheinlich, nnd es wird sich umsoweniger etwas dagegen einwenden lassen, als
Grenzbott'n I. 1882. 80