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Auf Märchenpfadcn
Auf Märchenpfaden
von Dorothea G. Schumacher
VA?HtNIn den Tälern „hinter den Bergen", da ist die uralte Märchenwelt.
wo vor Zeiten die Kindermärchen erzählt wurden, bis die Brüder W Grimm sie aus dem Munde einer alten hessischen Bäuerin erfuhren IK^^VM U und somit Unschätzbares retteten.
MMSH»^! Diese trauten und unwiderstehlichen Geschichten sind der Niederschlag von Erinnerungen an eine fernste Vorzeit voll reißender Tiere, die von kühnen Helden besiegt wurden. Damals gab es in deutschen Wäldern Wölfe. Bären, große Hirsche und Auerochsen; eine Begegnung mit ihnen war noch in den Tagen des Burgundenreiches nichts seltenes. Doch die Furcht der Frauen und Kinder vor diesen Tieren war so stark, daß sie sich in den Gemütern fort und fort pflanzte! Es gab keine Herdfeuergeschichte ohne wilde Tiere.
Im Waldesdunkel lagen auch Plätze, Steine, Quellen, um welche alte Sagen von Teufeln, Hexen und ihrem sündlichen Treiben gingen: es waren Erinnerungen an heidnische Bräuche und Gastereien. Brunnentiefen waren da, aus denen die kleinen Kinder gekommen sein sollten und in denen die Töchter der
Hofbauern heimlich badeten, um hierbei Holdas Segen zu erfahren.....Oft
aber begegneten ihnen statt dessen Kröten, Frösche, Schlangen, die ihnen Geheim- nisse und Schätze verrieten, wenn sie keine Furcht zeigten. Die Jäger überboten sich mit großsprecherischen Abenteuerberichten. Wanderer, die um Nachtlager baten, erzählten von wunderbaren Rettungen aus Räuberhöhlen. Kinder wurden — so glaubten die alten Leute — von wilden Frauen verzaubert, bis irgend ein wagemutiger Jüngling den Zauberbann durch Schläue und Kühnheit brach.
Alle echten Märchen entstanden so. Es war aber im Volksgemüt bereits ein Untergrund vorhanden, auf dem die Märchen aufgebaut und angeknüpft wurden, oder besser, mit dem sie vermischt wurden. In Urzeiten fühlte sich der Mensch dem Himmel mit seinem wechselnden Wetter preisgegeben. Licht und Dunkel, Wärme und Kälte verkörperte er sich zu Gestalten, die einander haßten. Man sprach von den Jahreszeiten wie von Personen, die man sich im Geiste menschlicher vorstellte, um sie besser zu begreifen. Trat dann später eine heldenhafte Persönlichkeit auf, die z. B. die eingeschüchterten Bewohner eines Tales von einem gefürchteten Tiere befreite, oder die eine Räuberhorde unschädlich machte, ein Rudel Wölfe umbrachte, einen Volksbedränger vertrieb — da verglich man sie mit jenem anderen, unsichtbaren Helden und Befreier, der alljährlich die Winterkälte vertrieb und die Sonne wiederbrachte. In Jahrtausenden verschmolzen solche Personen und Personifikationen zu einer. Der die Sonne fressende Winter wurde gleichbedeutend mit dem Wolf, der die Menschen im verschneiten Walde anfiel und fraß; der die Sonne zurückbringende Frühling verquickte sich in der Phantasie mit dem jungen Jäger, der den bösen Wolf tötet und die Umwelt wieder sicher machte (s. „Rotkäppchen").
So bildete sich das Volksmärchen mit seinen Widersprüchen und Rätseln, hinter denen die ganze Tiefe der Erfahrung und der Geschehnisse vieler G enerationen liegt. So steckt denn in jedem echten Märchen erstens die Ncrturmhthe, zweitens wirkliches Volkserleben, drittens bewußte Ausschmückung . . . und alles hat sich bunt verwirrt.
Im Hintergrund des Dornröschen-Märchens steht bekanntermaßen der Mythos von der Erdengottheit, die, vom Neiddorn in Schlaf versenkt, durch deS Sonnenhelden Kuß im Frühling wieder erweckt wird. Hierzu gesellte sich später noch die Geschichte irgend einer kleinen Königstochter, die von einer neidischen