Der Mittler
42 l
Der Mittler
von Houston Stewart Lhamberlain *)
ju den Gedankengestalten Mensch und Gott pflegt sich mit fast gleicher Naturnotwendigkeit eine dritte zu gesellen, die freilich schon auf der Grenze des dichtenden Mythos steht und diese Grenze wohl immer bald überschreitet, die aber, eine kurze Betrachtung in ihrer ursprünglichen Reinheit verdient, da sowohl Mythos wie Geschichte aus der klaren Erfassung des einfachen Grundgedankens verständlicher werden: ich rede von der Vorstellung eines Mittlers zwischen Mensch und Gott.
Diese Idee eines Mittlers, oder, wenn nicht eines tatsächlichen Mittlers, dann wenigstens irgendeiner vermittelnden Handlung, ist über die Welt weit verbreitet. Werden wir uns erst unserer Vorstellung Mensch als die eines einzigartigen kosmischen Phänomens bewußt, so wächst die Kraft des „emporstrebenden Willens" mehr und mehr: Gott wird immer dringender benötigt, weicht aber, je sturmischer unser Wille die Hände nach ihm ausstreckt, immer weiter zurück: auch dies muß als eine uaturnotwendige Tatsache uuseres Gemütes erkanut werde», die uns aus auderen überquer entstehenden Ideen — wie Freiheit und Notwendigkeit .....- bereits vertraut ist. Da nun gebiert die Sehnsucht die Vorstellung eines zwischen Gott und Mensch vermitteludeu Wesens: sel es, daß ein menschengeartetcs sich bis zur Gottheit aufschwinge, uns anderen die Wege dorthin bahnend; sei es, daß das „höchste gute Wesen, der Vater im Hrmmel", sich in Liebe herabueige und — auf irgend eiue, vom Verstände nie auszudeutende Weise - ^ uns von seinem Wesen etwas mitteilt — uns dadurch zu sich emporhebend. Beiden Vorstellungen dem gvttgcwordencn Menschen nnd dem nienfch-
gewvrdeueu Gottc ..... begeg.neu wir auf allen Seiieu; im Gründe genommen
gleichen- sie einander vollkommen und bedeuten die zwei möglichen Arten, denselben Gednukeu deS Mittlers auszugestalten. Jumittcu der bunten, unausdenkbare!,, phantastischen, oft an Wahnsinn grenzenden Fülle, aus welcher unsere „Religwuen" gewoben siud, bildet der Gebaute — besser gesagt die Gcdanken- gestalt - des Mittlers den eigentlich und wahrhaft religiösen Kern, neben welchem alles übrige nur als Beiwerk gelteil muß als em mehr oder minder zufälliges Beiwerk, zeitlich bedingt nnd zum Teil rein willkürlich, oft sogar unmittelbar unreligiös, wenn nicht gar antireligiös.
Wir tun folglich gut daran, drel Gedankengestalten deutlich ins Auge zu fassen: der „gottwürts schauende Mensch" (wie der alte Chaucer sich ausdrückt), d. h. derjenige Mensch, der sich bewußt ist, mit seinem Wesen über die Erschei-
»nngswelt hinauszureichen ...... der Gott, dessen Gegenwart er ahnt nnd dessen
Beistand er erlebt —, dazu eine zwischen diesen beiden vermittelnde Kraft: diese drei Gedanleugestalteu bildeu den Inhalt aller Religion.
*) Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags F. Bruckmmm A. G., München, dein neuen Werk Chmnberlains: „Mensch und Golt, Betrachtungen über Religion und Christentum", entnommen.