Ausgegeben am 17. Dezember I92l
Der Rest ist Schweigen.
-O^T
-Bethmanns Schatten^
von Fritz Aern
Das Alibi
ler Staatsmann, der von sich in einem der nicht seltenen Augenblicke des Verzagens gesagt haben soll: „Ich habe Pech mit allem, was ich anfasse", gibt es nicht auf, beweisen zu wollen, daß an dem namenlosen Rückgang seiner Kanzlerschaft andere schuld waren. Sein Geist vermag es nicht, im Grabe seiner Politik zu ruhen- Von Belhmanns erstem Band hat eine ihm nahestehende demokratische Zeitung gesagt: „Er liest sich, als ob man auf Watte kaut." Dieser nachgelassene zweite Band, im Ausdruck wohlgeglättet, mit der fleißig ausgearbeiteten, etwas gepreßten Vornehmheit des vor der Geschichte repräsentierenden hohen Staatsbeamten, durch trockene Bildung einnehmend, mit sanfter Grämlichkeit sorgfältig die Richtigkeit des eigenen Standpunktes und die Weisheit aller Unglücksschritte beweisend, vergißt sich nicht so rasch wie der erste Band. Es bleibt etwas Gewalltes in Erinnerung, ein Alibibeweis, und etwas Unbeabsichtigtes, der Eindruck, daß im Grunde nichts stärker gegen diesen Kanzler spricht, als gerade seine Behauptung- daß andere und nicht er die Politik des Deutschen Reiches machten.
Wenn der Kanzler von den Feldzugs Plänen vor dem Kriege nichts gewußt hat (Seite 7 ff.), so war das seine Unterlassung. Wenn Tirpitz nach Bethmanns Behauptung nicht noch energischer auf Einsatz der Flotte gedrängt hat (Seite 8ff.), so wird Bethmann nicht damit den Vorwurf entkräften, daß er ,elbft den Kaiser in seiner Abneigung gegen den Flotteneinsatz bestärken ließ und durch dessen Um- gebung die „Gipsmauer" schuf, die Tirpitz nicht durchstoßen konnte. Es ist eine wertlose Entschuldigung für die Verpfuschung des Hindenburgschen Operations-
") Bethmann Hollweg, Betrachtungen zum Weltkriege. 2. Teil. Während deb Krieges. Hobbing, Berlin 1821. Nr. 3S. Grenzboten IV 1921 28