Maler und Kunst Z55
Maler und Aunst
Die augenblickliche Situation der deutschen Malerei ist sehr eigentümlich. Es ist wie kurz vor einem Umkehrpunkt eines Pendels: die Bewegung ist fast schon zur Ruhe gekommen, Energie wird gesammelt, nicht mehr kinetisch ausgewirkt. Man wartet ab. bis die Richtung sichtbar wird, in der das Pendel, von neuem kraftgesättigt, weiterschwingen wird: die Arme sinken ein wenig — man besinnt sich.
Ein äußeres Anzeichen spricht für diese Deutung der Lage. Man kann sie auch ohne dieses mühelos bei einem Rundgang durch die Sezession, durch die Jmyfreie verificieren, in denen auch nur ein paar sehr bestimmt gerichtete Talente wie Magnus Zeller, der merkwürdige Karl Voelker, vielleicht noch Kaus nach Wegen suchen, während die anderen in festen Kreisen wartend stehen. Viel klarer aber wird sie rein durch die Tatsache, daß fast alle übrigen Ausstellungen, die augenblicklich in Berlin gezeigt werden, im strengen Sinne historisch sind. Paul Cassirer bringt Cözanne, Flechtheim Matisse, Gurlitt Kokoschka; in der Akademie sieht man Karl Blechen, überall Besinnung, lange Gewertetes, fast schon Problemloses: die Zeit selbst, das Heutige bleibt außer- halb — in der Stille des Wartens. Die Woge des Expressionismus, bmiter und breiter geworden bis zur Popularität, verrollt langsam in der Ferne; vom Neuen, Kommenden werden erst die ersten Zeichen sichtbar: so holt man noch einmal die Führer von gestern und vorgestern heran.
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Wunderlich paßt Paul Cözanne in diese Situation. Sein W-rk steht an der Wende zweier Zeiten: in ihm wächst wie in van Gogh, wenn auch auf sehr anderem Boden, über der impressionistischen Grundlage langsam, organisch, ein Neues, weit darüber Hinausweisendes. Auf persönlichen Wegen wird das alte strenge Bildgesetz neu gewonnen; aus dem vergeistigten Material, das der Impressionismus gereinigt hatte, wird ein Bildgefüge gewoben, das jenseits alles zufalligen die feste Sicherheit des abstrakten geben soll, über den im
pressionistischen Voraussetzungen wachsen erst halb geformt die ersten Ansätze des Expressionismus; das Grundgefühl des Kubismus, der Wille zur dritten Dimension in der eingeebneten Welt der Flächen wird sichtbar: schwer geballt bei aller Gelöstheit von der Materie liegt dieses Werk da — den letzten Wendepunkt bezeichnend, den wir erlebten. Heute wird es von neuem vor uns hingestellt — und aus der neuen Situation sehen wir es gewissermaßen aus der entgegengesetzten Richtung. Noch in Köln 1912 empfand man die expressionistische Komponente als das entscheidende, sah von dem impressio- nistiscken Anteil aus auf sie. in der die Umrisse des damals Neuen, Lebendigen zuerst vorgezeichnct waren. Heute sieht man durch diesen inzwischen ebenfalls historisch gewordenen Expressionismus im Werk Cezannes hindurch auf die Steigerung, die der impressionistische Naturalismus, der in diesen Bildern steckt, von dort her erfahren hat. Denn wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird der eine Strom des Kommenden sicherlich in dieser Richtung sich bewegen: zu einem neuen Naturalismus, der die Gefühls- und Formergcbnisse des Expressionismus als notwendige und unverlierbare Voraussetzungen mitnimmt. Einer der Maler des Expressionismus hat das schon vor ein paar Jahren vorausschauend ausgesprochen: bereits 1918 schrieb Ludwig Mcidner in seinem „Scptemberschrci" oie Sätze: „Worauf es morgen ankommt, was mir und allen anderen nottut. ist ein fanatischer, inbrünstiger Naturalismus, eine glutvoll männliche und unbeirrbare Wahrhaftigkeit wie die der Meister Mulischcr und Ginnewald, Bosch und Breughel. Denn wir wollen ja dem Höchsten dienen mit unserem Geschäft. Wir haben die großen Gesichte zu schaffen — wie könnten wir das anders als mit den Formen der äußeren Welt." — Cözanne wird zu diesem neuen Natura- lismus, von unserer heutigen Perspektive aus gesehen, wahrscheinlich wiederum entscheidendes beizutragen haben.
Im Einzelnen wie als Ganzes betrachtet ist die Ausstellung neben dieser