Ausgegeben am 10. Dezember 1921
Macht, die nicht ausgeübt wird, schwindet.
T)ie Koalition vor dem Forum der Deutschen Volkspartei
von Fritz Kern
5. Linst und jetzt
or fast zehn Jahren — als Bethmann die Wahlen gegen die Rechte
geinacht hatte, jene Wahlen, die später die Resolutionsmehrhcit vom Juli 1917 über uns verhängten — wühlte die nationalliberale Reichstagsfraktion Scheidemaun zum Vizepräsidenten des Reichstags. Danach regneten aus der Proviuz die Misztraucuskuud- gebungen der nationalliberalen Vereine und Gruppen, auch die Austritts- erklärungen uach Berlin. Von dem nationalliberalen Abgeordneten Schiffer, dem jetzigen vielseitigen demokratischen Politiker, ging in jenen Tagen das Gerücht, er führe die der sozialdemokratischen Präsidentschaft abgeneigte Opposition gegen Bassermann uud Stresemann; dementsprechend trugen nicht wenige jener rechtsnationalliberalcn Entrüstuugstelcgrcnnme die Anschrift: „An die Fraktion Schiffer."
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Harmlose Erinnerungen aus Tagen, die sich zu den unsrigen Verhalten wie Frenssen zu Dantes Inferno! Immerhin konnte man gespannt darauf sciu, wie sich der in der vorigen Woche in Stuttgart versammelte Parteitag der Volkspartei zu der diesmal so weit ernsthafteren Annäherung der Parteileitung an die Sozialdemokratie verhalten werde.
2. Weshalb die Koalition?
An dieser Stelle ist schon die Ansicht vertreten worden, daß der Beweg- gründ und der eigenlliche Ursprung der Koalition in der Außenpolitik
liege. Manches hierüber konnte — und kann auch heute noch — nicht gesagt werden; aber seit dem äußerlich sichtbaren Umschlag iu Washington, also seit Grenzboten IV 1S21 21