Ausgegeben am 16. Oktober 1921
Es gibt Zeiten, wo das natürliche Gefühl der Massen eine Macht wird im Leben der Staaten.
Treitschke
Um den Frieden Europas
von Fritz Rern
jeuu Lloyd George seine Stimme, die erste der Welt, erhebt, spricht er entweder in Hemdsärmeln oder in Bäffchcn. Auf beiderlei Ton weiß er das Maß von Energie, das England hinter eine bestimmte Sache sehen will, drastisch anzugeben. Mit seinem neuen Hemds- ärmclgleichnis für die weltwirtschaftliche Lage, als Billardspiel auf stürmischer See, prägt er dem absatzlosen Industriellen und dem Arbeitslosen, dem Händler wie dem „Mann auf der Straße" den Widersinn der gegenwärtigen Zustände und zugleich das außenpolitische Ziel ein, auf welches sich ^ Drahtzieher der Klubs verständigt zu haben scheinen. Als Büffchenredner hätte der
^«WM
er getrost Europas Lage mit Noahs Schande vergleichen können, über die ungeratene Sohn Ham-Fraukreich sich garstig freut, wühreud Sem-England
bieder hcrzueilt, um die Blöße des Alten zu bedecken. Man erzahlt m Berl.n den Ausspruch eines sehr bekannten Engländers, der kürzlich hier geweckt und d.e ^'age gestellt habe- wie lange es Deutschland äußerstenfalls noch bls zum Staatsbankerott aushalte? worauf ihm geantwortet wurde: eigentlich wäre es schon ^ weit, aber durch das Goldopfer der Wirtschaftskreise bzw. den Eiutritt der Volkspartei in die Koalition werde der Zusammenbruch der deutschen Fmanzen Wohl noch um 12 bis 18 Monate hinausgeschoben. Worauf der engll,cyc Finauzmaun entsetzt ausgerufen haben soll: „Aber so lange halten wir es ,a "licht aus." ^
Dem Deutscheu fällt es in seinem intensiven Ohnmachts- und ^eA - losigkeitsgefühl schwer, sich vorzustellen, daß bei den Siegervollern 'wch großer . wirtschaftliches Unbehagen herrsche, als bei uus. Man braucht aber ckt b^ Englaud reisen, es genügt schon Holland oder Skandinavien un^ das mal Depressionsgefühl nachzuempfinden, daß der industriell nugebrochene Beugte s.ch Grenzbojen IV 1921