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Winterbeginn ohne Bürgerkrieg
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Ausgegeben am 9» Oktober 1921

Der ist kein Bürger, der nicht die eigene Sorge vergißt in der Not des Allgemeinen,

Grillparzer

Winterbeginn ohne Bürgerkrieg

von Fritz Rern

eutschland durchlebt eine glanzlose Epoche seiner so wechselnd über­schatteten Geschichte. Aber aus solchen von Persönlichkeiten, Macht und Glück verlassenen Zeiten lag manchmal schon der Segen der Zukunft. Nach dem dreißigjährigen Krieg hat unsere Volkstugend, die Liebe zur Arbeit, neue Fundamente in den Sumpf gelegt. In der dumpfen Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und der Paulskirche gründete der Zollverein den soliden Unterbau des Bismarckschen Reiches. Wenn die Einheit sich zur Arbeit gesellt, der nationale Wille zum Fleiß der Hände und Köpfe, dann ist das deutsche Volk allemal fürs erste geborgen.

Der vierte Winter auf den Ruinen des Reichs beginnt mit äußeren und inneren Leiden, die sich von denen der Vorjahre scheinbar nur dadurch unter­scheiden, daß unser herabgestimmtes Selbstgefühl sich tiefer eingewöhnt hat. Knechtung an Rhein und Saar, Würfelspiel in Oberschlesien, Hussitensiege im Böhmerland: das bezeichnet kurz die Spannweite unserer auswärtigenMacht". Schwindelnder Marksturz, Börsenfieber, Exporthausse Deutschland hat bald keinen Arbeitslosen, aber auch bald keinen Mittelstand mehr. Das große Volk, das von allen Völkern am wenigsten zur wirtschaftlichen Lässigkeit neigt, wird durch die vorübergehenden Sieger systematisch in den Staatsbankerott hineinge­peitscht. Wir haben im abgelaufenen Jahr wieder zugelegt, Ordnung, Sauberkeit, guten Willen gegen die Kriegswehen gesetzt; wir sind jeder für sich ein tüchtiges Stück emporgeklettert. Aber nun sinkt aufs neue die ganze Wand, an der wir klettern. Ohne Stabilisierung der Mark keine Gesundung, ohne Revision des Versailler Mordfriedens keine Stabilisierung der Mark, ohneirländische" Einheit des deutschen Volkswillens keine Revision des Friedens in dieser von der Arbeit zur Einheit führenden Gedankenkette haben wir vielleicht den Leitfaden Grenzboten IV 1921 3