Ausgegeben am 28. September 1921
Keine Nation fühlt so sehr als die deutsche den Wert von anderen Nationen und wird leider von den meisten wenig geachtet, eben wegen dieser Biegsamkeit. Mich dünkt, die anderen Nationen haben recht: eine Nation, die allen gefallen will, verdient von allen verachtet zu werden.
Georg Christoph Lichtenberg ^7^2—^799
Die Beurteilung fremder Völker
von Freiherrn von Lreytag--Loringhoven, General der Infanterie a. D. Dr. K. c.
seinem bekannten Buche „Das Zarenreich und die Russen" betont Leroy-Beaulieu die Notwendigkeit, fremde Völker kennen zu lernen. R Er wendet sich hier an die Franzvsen der Zeit nach 1871 mit den Worten. „Wenn wir gewußt hätten, wie viel Herbheit und Härte, aber zugleich wie viel Festigkeit und Entschlossenheit, wie viel verborgene Begehrlichkeiten aber zugleich praktischer Sinn, wie viel Ordnung und Disziplin in diesem deutschen Volke vorhanden waren, das allzulange wegen seines Idealismus und seiner Zerspitterung verspottet worden ist, hätten wir nicht seiner Einigung widerstrebt und uns seiner schrecklichen Vergeltung ausgesetzt." Niemand wird bestreiten, daß die Kenntnis anderer Nationen — und dazu gehören in der Zeit der Weltwirtschaft mehr oder weniger alle — ein dringendes Erfordernis ist, und dennoch ist es leicht, diese Kenntnis in der Theorie als notwendig hinzustellen, aber unendlich schwer, sie wahrhaft zu gewinnen. Ist doch schon die Vorstellung, die sich ein Mensch vom anderen macht, selbst beim Scharfsichtigsten immer nur bedingt richtig. Selbst von unseren Nächsten machen wir uns ein Bild, das nur bedingt der Wirklichkeit entspricht. Und wie wenig kennen wir uns im Grunde selbst? Die Unzulänglichkeit aller Memoierenliteratur bietet dafür einen schlagenden Beweis. Umsoweniger kann die Beurteilung eines ganzen Volkes, des eigenen und erst recht eines fremden durchaus zutreffend sein. So hat denn auch der Krieg darin große Überraschungen gebracht, hinsichtlich unseres Grenzboten III 1921 23