2l6
Weltspiegel
Die Poesie dieser Soldatenzeit erinnerte an die Freiheit der Renaissancemenschen. Freude an der raschen Tat, Freude am Genutz, am Sichausleben und an der eigenen Persönlichkeit, die nun — ohne Rücksicht auf Rang und Alter — sich entwickeln und auf dem Posten stehen konnte, zu dem Tüchtigkeit und Kräfte ausreichten.
Der Freikorpsoffizier sah Schritt für Schritt die Autorität wiederkehren. Ja, noch mehr — er wurde vielerorts der Herrgott seiner Leute. Und die Soldaten sangen das Schillersche Reiterlied anders als sonst. „Der Soldat allein ist der freie Mann" galt mehr wie einst, wo Friedensexerzierdienst Offizier wie Soldat in seine Fesseln nahm.
Diese Soldatenzeit hatte Größe. Aus dem Nichts eines zertrümmerten Heeres heraus entstanden in Wochen kampsfrohe Truppen, Über die Freikorps kehrten Waffenliebe und Waffenstolz, Manneszucht und Kameradschaft wieder. Und wenn auch von außen die Truppe von Spartakisten berannt wurde, wenn Ehrgeiz, Egoismus und Landsknechtstum innerlich an ihr fraßen, wenn auch der einzelne Soldat versehmt und verachtet war, so vermochten doch Pflicht und Selbstlosigkeit sich durchzusetzten und mit der Freikorpszeit als Übergang die neue Wehr vorzubereiten: Bon der Scheinmacht zur Macht.
Scheinmacht, Poesie und Größe kennzeichnet auch — von Osten drohte Bolschewikeneinfall — die
„Baltikumer".
Weltspiegel
Die Pariser Konferenz. Die Entente zwischen England und Frankreich ist der Bund eines Schnelläufers und eines Schwergewichtsringers. Der eine rasch, beweglich, anpassungsfähig, zäh, selbstbewußt, energisch, der andere am Boden haftend, langsamen Verstandes, trägen Begreifens, in Vorurteilen und Formeln befangen, eitel, rasch erschreckt, und wie alle Furchtsamen gewalttätig. So verschieden geartete Charaktere können wohl in Stunden der Gefahr oder wenn zufällig unmittelbar ihr Ziel das gleiche ist, sich zu gemeinsamem Wirken zusammenfinden, aber sobald dies Ziel erreicht ist, sobald gemeinsame Not sie nicht mehr zusammenzwingt, wird es, wenn sie den in sich unnatürlichen Bund aufrecht erhalten, unvermeidlicherweise zu Streitigkeiten und unerquicklichen Auseinander- setzungen zwischen ihnen kommen müssen, die um so schärfer werden, je weniger es sich um konkrete politische Zwecke, über die sich immer reden läßt, handelt als um Weltanschauungs- und Gefühlsfragen. Der Engländer ist Kaufmann. Er ist durchaus bereit, mitleidslos — er hat es oft genug bewiesen — einen Konkurrenten niederzuringen. Aber sobald ihm das gelungen ist, sieht er in dem bisherigen Feind nur noch den Käufer und Abnehmer. Er kennt (mit Ausnahme vielleicht des Iren, der eine ewige Schwäre in seiner Seite ist) weder Tod- noch Erbfeinde, denn Handel kann nicht einseitig betrieben werden. Der Franzose ist Bauer oder Rentner, er kann sich selbst genügen und haßt jeden, der ihn im Genuß dieses genügsamen Daseins stört oder den er mit dem Mißtrauen des Pfennigfuchsers der Bedrohung verdächtigt. Für ihn drückt sich denn auch gewonnener Krieg am sinnfälligsten in Landgewinn auS, und daß er außer dem als selbstverständlichen Siegespreis begrüßten Elsaß-Lothringen nicht noch min- bestens das linke Rheinufer als französisch bezeichnen kann, bildet den Haupt-