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Frankreich, England und die Deutschen
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Ausgegeben am 24. August 1921

Die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn dieselben nur auf Kosten des eigenen Vater­landes verwirklicht werden können, ist eine Poli­tische Krankheitsform, deren geographische Ver­breitung sich auf Deutschland beschränkt.

Bismarck

Frankreich, England und die Deutschen

von Fritz Kern

o paradox es klingt, Deutschland trägt die Hauptschuld an der Ausbildung des imperialistischen Charakters der beiden westlichen Weltvölker. Ein Blick auf die Karte ums Jahr 1000, verglichen mit der heutigen Karte, genügt, um dies abzulesen. Die Deutschen, welche ihre Söhne nach ganz Europa ausgesandt und damit unter anderm auch die Entstehung der englischen und der fränkisch-französischen Nation angeregt hatten, waren in ihren Ursitzen so sehr das UrVolk Europas geblieben, ihr Land umfaßte mit dem heutigen Holland, Belgien, Luxemburg, Lothringen, Elsaß, Schweiz usw. land- wie seestrategisch solche Positionen, daß ihnen das Übergewicht über die kleine, dünn bewohnte britische Insel und das offen da­liegende Frankreich sicher sein mußte, wenn ihre eigene staatliche Entwicklung und Festigung normal, im gleichen Schritt mit der westeuropäischen verlausen wäre.

Daß um 1200 der englische und der französische König in ihren unaufhör­lichen Kriegen sich schon beiderseits deutscherLandesherren" als Söldner bedienen konnten, darin liegt alles übrige, liegt unsere heutige Unfähigkeit, unser Heutiges Unglück.

Die Deutschen wähnten so sehr, das UrVolk unerschöpflicher Kraft, ein Kosmos für sich zu sein, daß sie zerfielen und glaubten, das Wachstum der Westmächte ignorieren und ungestraft selber hundert Kleinstaaten statt eines Staates ausbilden zu dürfen.

Grenzboten III 1921 13