Ausgegeben am 27. Juli 1921
„Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit ist (gerade in ihm allein und unbedingt ausschließlich in ihm), wenn es nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem großen Volkl Ein wahrhaft großes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer erstrangigen, sondern eS muß unbedingt und ausschließlich das erste unter den Völkern sein Wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert, ist kein Volk mehr. Dostojewski, „Die Dämonen"
Macht
von Alfred Niemann
s ist erklärlich, wenn ein Volk nach einem zermürbenden und unglücklichen Kriege, nach fünfjährigem Hunger, nach vollzogener Entwaffnung unter dem Eindruck seiner Wehrlosigkeit seelisch und körperlich zusammenbricht und zeitweise auf Machtgeltung verzichten zu müssen glaubt.
Bedenklich wird solche Ermattungserscheinung, wenn der Wille sich auf die Schwäche einstellt und aus der Not eine Tugend macht.
Eine solche Umwertung der Worte erleben wir heute bei vielen unserer Volksgenossen. Unsere weltbürgerlich - pazifistische Veranlagung und eine mit allen Zugmitteln arbeitende feindliche Propaganda fördern die Vorstellung, als sei der aufgezwungene Verzicht die Errungenschaft einer höheren Sittlichkeit.
Der Kampf gegen solche krankhafte Irrung muß aufgenommen werden, ehe die Irrung zur Zwangsvorstellung geworden ist, denn träte das ein, dann wären wir als Nation dem Tode verfallen.
Unsere Vorstellung verbindet mit den: Begriffe des staatlichen Verbandes den Begriff der Macht so eng, daß der Sprachgebrauch beide häufig einander Grenzboten III 1921 «