Ausgegeben «M 7. Juli 1921
Manch verwandtes Gemüt treibt mit mir im Strom des Jahrhunderts; aber der Strom zerrinnt und wir erkannten uns nicht. Fenien
Masse und Persönlichkeit
von Dr. Siegfried Siebcr-Ane
riedrich Ratzel schreibt in seinen Feldzugserinnerungen von 1870/71: „Hundertausend Einzelmänner werden in die Masse hineingeschmiedet und werden als bessere gehärtet hervorgehen, nachdem das Feuer dieser Tage sie durchglüht haben wird." Das sind Erlebnisse einer starken Persönlichkeit, psychologische Erfahrungen, wie wir alle solche im Verlaufs des Weltkrieges gemacht haben. Aber auch in der Revolution und in dem Parteiringen unserer Zeit ist uns zu Bewußtsein gekommen, wie stark der Gegensatz zwischen Masse und Einzelmensch noch heute sich ausprägt. Gerade die Gebildeten, die gewissermaßen den Marschallstab als Führer der Masse im Tornister zu tragen meinen, empfinden es um so härter, wenn sie Massenmenschen werden sollen. Sie halten sich darum möglichst fern von allem, was nach Masse dünstet, sie werden oder bleiben Eigenbrödler, sie. gehen auf diese Weise der Organisation verloren, das wirtschaftliche Leben dieser Kreise verfällt, ihre Bedeutung für das politische Leben sinkt, wenn es nicht gelingt, die Gebildeten zur rechten Beteiligung an der Masse zur erziehen.
Muß denn der einzelne bisweilen in die Flut der Masse niedertauchen? Er tut es täglich. Wir selbst sind uns dessen nicht bewußt, wie fest wir mit allen Fasern unseres Seins verwachsen sind in der Masse. In Sitte und Brauch, in Mode und Stil, in politischen und wissenschaftlichen Anschauungen gehören wir zu irgend einer Masse, sei sie fortschrittlich, rückständig, völkisch, christlich oder wie man sie sonst bezeichnen mag. Selbst die freieste Persönlichkeit wurzelt irgendwo in der Masse, wenn sie auch auf diesem oder jenem Gebiete Bahnbrecher, Führer, Neutöner ist. Je schärfer ausgeprägt eine solche Persönlichkeit ist, um so härter Erenzboten III issi, 1
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