Ausgegeben am 25« Juni 1921
Eine Nation kann nur ertragen, was aus ihrem Kern, aus ihrem eigenen Bedürfnis hervorgegangen ist.
Goethe.
deutsche Volksgemeinschaft
von " 5 "
er Reichskanzler Wirth und seine Ministerkollegen scheinen bei den Regierungen der Entente doch nicht so beliebt zu sein, wie sie uns glauben machen wollten. Es hagelt nach wie vor Erpressernoten und deutsche Vorstellungen bleiben unbeantwortet, während man doch annehmen müßte, daß unsere Feinde Männern gegenüber, denen sie wohlgesinnt sind, etwas mehr Takt und Höflichkeit an den Tag legen würden. Dagegen scheint der General Höfer, eine einfache, schlichte Soldatennatur mit deutschem Willen und deutschem Empfinden, sich der Entente gegenüber eine achtunggebietende Stellung errungen zu haben. Mit ihm verhandelt man, genau wie man mit dem alten kaiserlichen Deutschland nach Abschluß des Waffenstillstandes verhandelt hätte. Es zeigt sich eben, daß man überall in der Welt, sei es Feind oder Freund, doch Bekennermut und nationales Selbstgefühl höher einschätzt als unterwürfiges Gehorchen und Ducken. Unser heutiges Regierungsverfahren erinnert an die in Offizierskreisen des alten Heeres für gewisse Persönlichkeiten übliche Bezeichnung „militärischer Radfahrer". Man verstand darunter solche Vorgesetzte, die nach oben den Rücken krumm machen und nach unten mit den Füßen treten. Oben ist in diesem Falle die Entente, unten das national denkende und fühlende Volk. Wie weit man mit diesem System des „militärischen Radfahrers" kommt, zeigt der Besuch Rathenaus in Wiesbaden. Während dieser, ursprünglich zu den „Neinsagern gehörend, sich jetzt zu der Ansicht bekennt, daß man die Forderungen des Ultimatums nicht nur erfüllen müsse, sondern auch könne, und während die deutsche Presse gewisser Richtungen das Ergebnis seiner Unterredungen mit Loucheur als günstig bezeichnet, läßt letzterer in etwas verschleierter Form durch die französische Presse verbreiten, daß mit Grenzboten II 1S21 18