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Das Staatsoberhaupt : Gedanken zur Präsidentenwahl
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Ausgegeben am ZO. Axril Ig2l

Wen» ich mich jedesmal der Mehrheit des Landtags und des Reichstags hätte fügen wollen, wo wären wir?

Vismarck

Das Staatsoberhaupt

Gedanken zur Präsidentenwahl von Fritz Kern

1.

stärker ein Volk sich als Organismus schöpferisch, wollend ve- W^ '^Ä« W tätigt, desto mächtiger wird im Verhältnis zu den Gliedern V die Funktion des Oberhauptes. Dieses spielt hier dieselbe Rolle wie das Jchzentrum, das Bewußtsein beim einzelnen Individuum. Deshalb findet man überall in der Geschichte das Heraustreten der Leitung dort, wo großer Krafteinsatz der Gesamtheit ist. Zersplittert sich dieser in Kraftbetätigungen der einzelnen oder der gesonderten Volksteile, dann verwischt sich auch der Umriß des Oberhauptes. Man kann nun geschichtlich zwei Hauptphasen im Leben der Völker unterscheiden. In der einen ist der instinktive Zusammenhalt der Volksaugehörigen noch schwach, unerzogen, widerspruchsvoll durchkreuzt von zentrifugalen Kräften. In diesem Zustand verlangt das Volk, wenn es aus den oben augeführten Gründen eine Kraftzusammenballung begehrt, nach einer monarchischen Spitze. Die zweite Phase tritt ein, wenn der National­instinkt sich so durch alle Bestandteile des Volkes durchgesetzt hat, daß diese auch ohne persönliches Oberhaupt doch nach einer Richtung wirken und schaffen. In diesem Fall kann die Regierung aus einem Parlament bestehen und das Staats­oberhaupt, heiße es König oder Präsident, zu einer bloßen Dekoration werden.

Wir sehen diese beiden Phasen deutlich zum Beispiel in der englischen und französischen Geschichte. Die Angelsachsen und die Franken treten in eine große Grenzboten II 19S1 6