Rarl Marx
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Rarl Marx' )
von Professor Friedrich Lenz
line Würdigung der Persönlichkeit dürfte zu dein Ergebnis führen, daß Karl Marx wie Friedrich Engels „echte und wahrhafte Charaktere von historischem Stil" sind. Die Einheit der Marxschen Persönlichkeit wird sein künftiger Biograph in dem Politiker, dem Soziologen, dem Sozialvkonomen aufzuzeigen wissen/ dann erst wird dies Charakterbild der Parteien Haß und Gunst entrückt sein. Mehr als andere heißt ja eine solche Gestalt sich die Geister scheiden. Denn jener letzte Antrieb, der Marx beseelt, wirkt bis in die feinsten Verästelungen seiner Theorie, bis in die flüchtigsten Äußerungen des Alltags. Der gleiche „Dämon", den der Vater im Jüngling sah, treibt den junghcgelschen Idealisten und bürgerlichen Radikalen der Frühzeit wie den Materialisten und Kommunisten späterer Jahrzehnte. Durch die überladenen „rhetorischen Neflektivnen", durch die „Phantastischen" Gedichte und Dramen des Beginns stürmt schon ohne Rast jener Feuergeist, der — ein „wahrer rasender Roland" in der Liebe des Jünglings — Marx nun über die Höhen revolutionären Wirkens wie durch alles Niederziehende des Alltags trägt.
Freund wie Feind zeichnen uns sein Bild: die Herrschergaben seines Verstandes und seines Willens. In der frühen Wahl der Braut greift er bereits nach dem Höchsten und halt es durch alles Widerwärtige fest mit starkem und reinem Herzen. Der Sohn des jüdischen Anwalts macht sich zum Schwager des reaktionärsten aller preußischen Bürokraten, ohne daß wir Marxens Verhältnis zur Familie v. Westphalen bisher ganz durchschauen könnten. Die Strudel der Politik ergreifen sodann den Neunzehnjährigen. Sie werfen ihn bald genug an das andere Ufer/ doch in Kämpfen innerster „Gewissensangst" erst lost der TagcS- schriftsteller jenes Band, das die Überlieferungen Voltaires und Friedrichs "des Großen in ihm knüpften: der „Humanität" und dem „Genius der Monarchie" hatte sein aufgeklärter, Christ gewordener Bater ihn verbinden wollen. Das menschliche Selbstbewußtsein, das „Selbstgefühl des Menschen" war die seinem Wesen gemäße Philosophie geworden/ ihre Züge prägt Marx in der äußeren wie inneren" Einsamkeit des Kämpfens nun um so stärker aus. Sein „Intellektualismus" scheut vor keiner Schärfe/ Kampfgenossen wie Willich gegenüber schreckt er selbst vor „Mystifikationen" nicht zurück. Sein an Voltaire geschulter Sarkasmus bedarf der Gegner, entlädt sich in weit ausgesponnenen Polemiken., Sein Denken zerlegt alles in Quantitäten: die Wirtschaft in die Summe der individuellen, meßbaren Arbeitsstunden, deu geschichtlichen Fortschritt in eine rationale Entwicklung der Individuen. Er begreift wohl die Gesetze der Mathematik, nicht aber „die einfachste technische Realität, zu der Anschaung gehört".
Kein Wunder, daß man Marxens Intoleranz anklagt: Diktator, Thranneu Despoten ihn benennt. Energie und Feuer bezeichnen sein Auftreten, aber auch Verachtung aller Andersmeinenden und eine ganz unerträgliche Arroganz (Karl Schurz). „Träume künftiger Politischer Macht" erfüllen ihn, der im Exil die Revolution erwartet. Ein Feind sagt: Er lache über alle, die seinen Proletarierkatechismus nachbeten. Er achte allein die reinen Aristokraten. Um sie von der Herrschaft zu verdrängen, brauche er eine Kraft, die er allein in den Proletariern finde/ deshalb habe er sein System auf sie zugeschnitten. Seine persönliche Herrschaft sei der Zweck all seines Treibens. Ein anderer nennt ihn einen Virtuosen des Hasses. Und ein Freund nennt ihn die Verkörperung eines demokratischen Diktators — aus Energie, Willenskraft und unbeugsamer Überzeugung zusammengesetzt. Er sei „ein gebörner Leiter der Menschen".
Herrschen allerdings sehen wir Marx, wo immer er erscheint/ niemals hat er, gleich Engels, die zweite Geige spielen mögen. Seine Liebe zu Homer, Dante
Aus „Staat und Marxismus" Grundlegung und Kritik der marxistischen Gescllschafts- lehre. Von Friedrich Lenz. I. G. Cvttasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin 192 l.