164
Versailles und Moskau
6^
Versailles und Moskau
Die Menschheitsfrage unserer Zeit von Friedrich von Berthelsdorfer
dine neue Zeit zieht herauf. Wir haben den Äusgang der alten Zeit alle noch gesehen, ja wir leben meist noch in der alten Borstellungswelt, die den Mittelpunkt der Geschichte in Europa und in England fand. Im Weltkriege aber hat unser Geschlecht einen der ganz großen Wendepunkte der Menschheitsgeschichte, vielleicht den größten, seit es für uns Geschichte gibt, erlebt. Das wird erkennbar, wenn wir auf die uns überlieferten Zeiten der Menschheitsentwicklung zurückblicken. In grauer Borzeit das Reich der Pharaonen, dann Babylon und Assyrien, das persische Reich, das griechische Zeitalter, das römische Reich, die Völkerwanderung, das Reich Karls des Großen, und auf der anderen Seite das alte chinesische Reich, uralte indische Kultur, sagenhafte Reiche in Amerika, sie alle gewiß groß in ihrer Art, aber eben doch beschränkt auf kleine Teile der Erde, ihr Machtstreben und dessen Feinde begrenzt von engem Gesichtskreis, nicht die ganze Erde umfassend. Dann beginnt mit dem Zeitalter der Entdeckungen die Menschheit mehr und mehr die ganze Welt zu überblicken. Westeuropa erhebt Anspruch auf Weltherrschaft, und nach jahrhundertelangen Kämpfen wird England der vornehmste Träger dieser Idee. Nun erwachsen, wie früher im engen Rahmen, auf der ganzen Erde die Kräfte des Widerstandes gegen den, der die Macht beansprucht: Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776, Rußlands Erwachsen zur asiatischen Großmacht, Japans Eintritt in die Geschichte und endlich die Entscheidung des größten Krieges, den die Menschheit bisher sah, durch die Vereinigten Staaten. Jetzt ist die Geschichte zur Menschheitsgeschichte geworden, jetzt, da Verkehr und technischer Fortschritt den Raum überbrücken, ringen die Kräfte der Menschheit über die ganze Erdkugel miteinander. Die Vormachtstellung Europas und Englands wird von der Menschheit nicht mehr anerkannt. Außereuropäische Nationen erheben den Anspruch ' auf Gleichberechtigung oder Vorherrschaft.
Diese geschichtliche Entwicklung wurde begleitet und vorbereitet durch eine immer engere wirtschaftliche Verknüpfung der Menschheit vor dem Kriege. Die Volkswirtschaft wuchs zur Weltwirtschaft. Und die wirtschaftlichen Verbindungen und Abhängigkeiten wurden so eng, so vielgestaltig, daß es vernünftigerweise dringendstes Bedürfnis der Menschheit nach dem Kriege hätte sein müssen, die Wirtschaftsbeziehungen und damit die Erzeugung und den Austausch von Gütern wieder herzustellen.
Statt dessen hat man durch Versailles die Welt geschieden in Sieger und Besiegte, in Ausbeuter und Ausgebeutete. Man schaltete eine der größten und leisrimgsfähigsten Werkstätten der Menschheit aus, noch nach dem Waffenstillstand unterwarf man Deutschland der Tortur einer 9 Monate dauernden Blockade, und als dann der Frieden geschlossen war, wurde durch ihn Deutschlands Leben in Wirtschaft und Politik vom freien Spiel der Kräfte ferngehalten und, insbesondere durch die Bestimmungen über die Kriegsentschädigung, in die Hand der Sieger-