Ausgegeben am 6. Februar 1921
Der Geist eines Volkes umfaßt nicht bloß die nebeneinander, sondern auch die nacheinander lebenden Geschlechter. Wir berufen uns wider den mißleiteten Willen derer, die da leben, auf den Willen derer, die da waren.
h. v. Treitschke.
Die Pflege des kolonialen Gedankens ein Htück Wiederaufbau des deutschen Volkstums
von Carl Mirbt
s gibt kein in einen kurzen' Satz zusammenzufassendes Rezept für die Gesundung unseres deutschen Volkstums. Denn der notwendige Wiederaufbau ist von den zahlreichen Faktoren abhängig, die in jeder Geschichtsperiode die Blüte eines Volkes bedingen und gegenwärtig noch durch die vielseitigen Wirkungen des Kriegsausgangs vermehrt worden sind. Selbstverständlich stehen zur Zeit die wirtschaftlichen Fragen im Vordergrund, denn die Sicherung des Lebensunterhalts ist die Grundvoraussetzung alles Schaffens. Aber ebenso klar ist es, daß gleichzeitig der Sinn für geistige und ideale Werte neu zu wecken sein wird, ohne die kein Volk auf die Dauer bestehen kann, wenn es nicht auf die Stufe primitiver Lebensformen herabsinken soll. Die Verkennung der Unentbehrlichkeit geistiger Kraftquellen, die sich jetzt in weiten Kreisen beobachten läßt, ist nur aus der das ganze Leben beherrschenden Sorge um das tägliche Brot und aus der moralischen Erschlaffung zu erklären, unter der die Seele unseres Volkes zu verkümmern droht. Andernfalls müßten die Erfahrungen des Krieges jedem nächdenkenden Menschen die Erkenntnis aufdrängen, daß wir ohne geistige Erhebung dem Niedergang unaufhaltsam verfallen sind, den Pessimisten schon jetzt als unabwendbar hinstellen. Denn wir stehen vor der erweisbaren Tatsache, das unsere Niederlage nicht in erstes Linie aus dem Physischen Zusammenbruch des deutschen Volkes abzuleiten ist — das beweist das Weiterbestehen des deutschen Volkes unter der nach dem Waffenstillstände fortgesetzten Hungerblokade —, sondern aus dem Versagen der psychischen und Grenzboten I 1921 g