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Offenherzigkeiten
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76 Offenherzigkeiten Vücherschau

Offenherzigkeiten

Die verlängerte Futterkrippe. Da die städtischen Vertreter von Hannover ihren Oberbürgermeister Herrn Leinert dafür zur Rechenschaft zu ziehen wagten, daß er aus dem Stadtsäckel über 30 Millionen Mark für einen Kommunalisierungs- versuch bewilligt hatte, ohne die vorgeschriebene Genehmigung des Kollegiums ein­zuholen, ist Herr Lemert einstweilen von seinem Posten zurückgetreten. Er hat sich darauf im städtischen Etat die 21 Jahre, die er als sozialdemokratischer Parteisekretär tätig gewesen ist, auf seine Amtszeit als Oberbürgermeister von Hannover in Anrechnung bringen lassen. Seinem gemeinnützigen Beispiel ist alsbald der hannoversche Senator Schrader gefolgt, der gleichfalls seine lang­jährige, hoffentlich im neuzeitlichen Sinne verdienstvolle Tätigkeit als sozialdemo­kratischer Parteisekretär dem Pensionsfonds der Stadt Hannover zu Lasten schreiben lassen will. '

Der ehemalige Polizeipräsident von Sangerhausen, Herr Kommunisten- führcr Schober, zeigt sich als nicht minder umsichtig. Niedrige Klassenjustiz hat ihn ins Arbeitshaus gesperrt, weil er seit Monaten seine Frau und sechs kleinen Kinder völlig unversorgt ließ. Es liegt nunmehr ein Antrag Schobers bei der Sangerhausener Verwaltung vor, ihm Pensionsberechtigung nicht nur für die Jahre zuzubilligen, die er vorm 9. November im Dienst der Volksaufklärung verwandt hat, sondern auch die ihm aufgebrummten Arbeitshausjahre mit an­zurechnen. Seine Forderung scheint umso berechtigter, als er im Arbeitshause Einrichtungen studieren wird, die ein Polizeipräsident unbedingt und im Interesse seiner Pflegebefohlenen kennen lernen muß. Mulay Hassan.

Vücherschau

Ausländische Zeitschrift-« I^a Ksvue crltique clvs IcZ<5<!8 et cies I^ettres die im 3V. Jahrgang in Paris halbmonat­lich erscheint, widmet sich mit Geschick und auf eine Reihe namhafter Mitarbeiter ge­stützt, der fortlaufenden Orientierung über poetische, literarische und philosophische Be­wegungen, Abgesehen von wertvoller Auf­klärung über das gegenwärtige geistige Frankreich ist auch aus dieser Revue zweierlei zu lernen: Kultur der Sprache, die in jedem Satz, bei der Besprechung der geringfügigsten Einzelheiten, gepflegt, glatt und klar ist, und die unbedingte Jn- sti»ktsicherhnt des naiionalen Empfindens. Als für uns besonders bemerkenswert notieren wir aus Nr. 176, vom 10. No­vember 1920I,<>8 Rovues äo I^ngus ^Ilsm-mlls", ein Aufsatz, in dem P. du Colombier das Osfiziersheft der Grenz­boten (Nr. 23/24 dieses Jahraangs) glossiert und über das Berliner Theater spricht, mit

geschickter Benutzung der Angriffe, die Richard Strauß' letztes Werk und Rein­hardts jüngste Bühnenunternehmungen in deutschen Bälttern erfahren haben. Ein zusammenhängender Artikel zur deutschen Politik findet sich in den letzten Stücken der Zeitschrift nicht.

I.» Ksvue äe vbnSve verdient wegen ihres politisch weitgespannten Horizontes und ihres internationalen, aus allerersten Kräften bestehenden Mitarbeiterstabes größte Beachtung. Jedes Heft bringt mehrere Ldroniciuss intörnlUioniriW: an dieser Stell« schrieben u. a. im September Jorga über Rumänien, Ferrero über Italien, im Oktober F. W. Förster über Deutschland, Hal6vh über Frankreich, im November I, Redlich über Deutschösterreich, Prezzolini über das italienische geistige Leben, Kuchar- zewskt über Polen. Das Novemberheft beschäftigt sich ganz mit dem Völkerbunde: