Ausgegeben am Z 6. Januar lk)2I
Wenn man den Zustand fingierte, daß sämtliche deutsche Dynastien plötzlich beseitigt wären, so wäre nicht wahrscheinlich, daß das deutsche Nationalgefühl alle Deutschen in den Friktionen europäischer Politik völkerrechtlich zusammenhalten würde, auch nicht in der Form föderierter Hansestädte und Reichsdörfer. Die Deutschen würden fester geschmiedeten Nationen zur Beute fallen, wenn ihnen das Bindemittel verloren ginge, welches in dem gemeinsamen Standesgefühl der Fürsten liegt......
(Vismarck, Gedanken und Erinnerungen I.)
Das deutsche Volk und das Deutsche Reich
Zum 1,3. Januar l,92l.
von Professor T>r. Fritz Härtung
llem Anschein nach will die Regierung des Deutschen Reiches an der 50. Wiederkehr des Tages der Neichsgründung scheu vorüberschleichen. Aber es wäre ein Armutszeugnis für das politisch reife Volk, wenn es ohne amtlichen Befehl nicht die Entschlußkraft fünde, den 18. Januar zu feiern, ein Armutszeugnis vor allem für uns, die wir die geistigen Führer des Volkes zu sein beanspruchen, wenn wir nicht den Mut fänden zu sagen, was dieser Tag auch heute noch für Deutschland bedeutet.
Aber ist es denn wirklich an der Zeit, Feste zu feiern? Ist nicht der deutsche Name in der Welt verachtet und geschändet, sind nicht Millionen deutscher Volksgenossen unter harte Fremdherrschaft gezwungen, müssen nicht Hunderttausend?, die als Pioniere deutscher Arbeit und deutscher Kultur sich im Ausland eine geachtete Stellung errungen hatten, als heimatlose Flüchtlinge das verarmte Mutterland wieder aufsuchen, hält nicht ein erbarmungsloser Feind ein gutes Stück des deutschen Bodens besetzt? Da sollen wir uns zusammenfinden, um uns an den Großtaten unserer Väter zü berauschen, die das Reich geschaffen haben? Nein, gewiß nicht! Patriotische Feste alten Stils mit klingenden Gläsern und tönenden Reden können wir heute nicht brauchen. Wir wollen uns nicht mit schönen Worten über den furchtbaren Ernst der Zeit hinwegtäuschen, wollen nicht mit der Erinnerung an die Heldenzeit vor fünfzig Jahren die tiefe Beschämung Grenzboten I 19S1 3