Neue Lyrik
231
Neue Lyrik
von Hans Heinrich Schaeder
m lyrischen Kunstwerk, im Gedicht, gibt sich das Eigcnwesen des dichterisch schöpferischen Menschen am unvermitteltsten zu erkennen. Denn es ist hinausgehoben über die Bewegtheit des Lebensstromes, den das Epos zu gestalten sucht, wie über die Spannung des Dramas. Es ruht in sich und reicht weit hinaus nach allen Seiten, als umfassendstes Sprachkunstwerk. Dem Malerischen benachbart durch die Abstufung und Harmonie der Farben, dem Musikalischen durch die Gliederung des Rhythmus, durch Modulation und durch die Einheit der Melodie, — beiden, auch dadurch nahe, daß °n ihm in viel höherem Maße als in den anderen Wortkünsten das Material der Gestaltung zur sinnvollen Form wird. Denn das Wort gilt im Gedicht nicht als ^erständigungsmittel, sondern als eigene Gestalt, deren Sinn in ihr selber liegt, nicht über sie hinausweist. So rundet sich das Gedicht zu einer Eigenwelt, die ihren ^genen Mittelpunkt hat und ihren inneren Gesetzen gehorcht. Wie aber jedes besondere und Einzelne, das in sich fest und lauter und eins ist, zugleich das umfassende Allgemeine rein repräsentiert, so ist das Gedicht der getreue Spiegel seines Schöpfers und über ihn hinaus der geistigen Welt, in der und aus der er lebt. So ^deutet uns die große lyrische Überlieferung eine kontinuierliche Folge von Stil- ^rrnen, deren jede eine persönliche und eine allgemeine geistige Welt ausdrückt 5 ^ geht von Pindar und Vakchylides bis zur hellenistischen Elegie, von der christ- 'chen Hymnendichtung und der großen arabischen und persischen Lyrik des Mittel- ^ers zu den Troubadours und Minnesängern, zur Vita Nuova und dem Canzoniere Dantes, zu Shakespeares Sonetten und Michelangelos Rime, sie blüht im 19. Jahrhundert bei Goethe und Hölderlin, bei den großen englischen Dichtern, bei Baudelaire und Verlaine, in unseren Tagen bei George und Hoffmannsthal.
Ist diese große Tradition erschöpft oder vermag sie noch unter uns neue Formen NUd neue Träger zu finden? Bei einein Überblick über die jüngste Lyrik, die ein ,?Ues Pathos der Menschlichkeit, den unmittelbaren, tönenden Ausdruck einer ^tegralen Geistigkeit sucht, und darum zunächst die konventionellen Gehalte und ^rmen der Überlieferung auflöst, würde man hier und da in der Tat ein Ende, ^Uen. Niedergang anzunehmen bereit sein. Aber das hieße die schöpferische Leistung ^kennen, die überall aus der Negativität bloßer Empörung wider die Konvention ^vororicht, es hieße die reine, suchende Leidenschaft der jungen Dichter mit der leblosen Programmatik einiger weniger Literaten verwechseln. Heute ist von einem Versbuch zu sprechen, das nicht nur um seiner Eigenart, °"dern auch um der besonderen Umstände willen, unter denen /es erschienen ist, Merkenswert ist. Die „Gesänge" von Ernst Dro em (C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München 1920) sind mit einer Einführung von Oswald ^ Angler herausgegeben, — ja sie können geradezu als Belegstück gewisser Ge- , S,ange des Untergangsbuches, die in dieser Einführung zusammengefaßt und .^eitert werden, gelten. Spengler nimmt das Auftreten einer großen Lyrik am s^ang am Ende der von ihm konstruierten Kulturepochen an, — da die abend- Uoische Kultur zu Ende geht, so dekretiert er: „Die Geschichte der Lyrik ist für s Su Ende. Es gibt keine Lyrik mehr." Was bleibt, was es noch gibt, das sind