214
Aus Geheimberichten an öen Grafen Hertling
Interesse, das uns auf dieses Forschungsgebiet weist; es ist ein nationales Bedürfnis, Klarheit über alles, was zu Deutschlands Unglück geführt hat, zu erhalten. Klarheit und Wahrheit sollen Quellen der Kraft werden, politisches Urteil und politische Reife erzeugen; möchten unter diesem Gesichtspunkte selbst Verfehlungen und Fehlschläge eines abgelaufenen Zeitalters einem heranwachsenden Geschlecht zum Segen gereichen.
Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling
ttS^—^Y
von Franz von Stockhammern, Ministerialdirektor im Reichsfinanzministerium
IX.
Zürich, den 23. März 1917.
Euere Exzellenz dürfte es vielleicht interessieren, über die Eindrücke unterrichtet zu werden, die ich dieser Tage bei verschiedenen Unterredungen mit österreichisch-ungarischen Diplomaten gewonnen habe, die ich hier und in Bern sah und die ihre Bestätigung durch die Mitteilungen fanden, die mir ein derzeit hier weilender süddeutscher Politiker über den Meinungsaustausch gemacht hat, den er mit dem neuen österreichisch-ungarischen Gesandten in Bern hatte.
Man ist demnach in Wien, und zwar an allerhöchster Stelle, außerordentlich besorgt wegen der Rückwirkungen, die der weitere Verlauf der russischen Revolution für die Entwicklung der Verhältnisse in Osterreich befürchten läßt. Was in erster Linie auf die Hofburg konsternierend gewirkt hat, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Ereignisse in Rußland vollzogen haben, und das klägliche Versagen all der Elemente, die, wie Hof, Adel und Armee der Dynastie besonders treu zur Seite stehen sollten. Die Monarchie schien in Rußland fester verankert, als in irgend einem Lande und man erlebt nun das Schauspiel, daß die erzwungene Abdankung des Zaren sich in den ruhigsten Formen und ohne besondere Gewalttätigkeiten vollzieht. Das scheint in Wien etwas nachdenklich zu stimmen, da man sich dort darüber nicht im Zweifel ist, daß all die zentrifugalen Strömungen, die die Existenz der Donaumonarchie bedrohen, durch die Ereignisse in Rußland neue Belebung und Stärkung erfahren werden. Wenn die Äußerungen der zum Teil offiziell, zum Teil inoffiziell in der Schweiz tätigen österreichischen Diplomaten, die ich sah, in etwas die Stimmung in Wien richtig wiedergeben, so ist diese eine mehr als ernste. - _
Luzern, den 3. April 1917 Es ist bedauerlicherweise nicht an dem, daß etwa lediglich die eine oder andere deutsche Zeitung an das Märchen von einer demnächst in Italien ausbrechenden Revolution glaubt, sondern nach den im übrigen sehr interessanten Mitteilungen eines dieser Tage in die Schweiz gekommenen ersten deutschen Zeitungsmannes glaubt man sowohl im Reichstag, als, inoreÄibile üiew, auch in