Das Rad der Geschichte
(Zum 2. September ^920) von Fritz Aern 1.
ie französische Republik feiert ihren fünfzigsten Geburtstag. Die Tochter Sedans, hat sie in achtundvierzigjähriger diplomatischer Arbeit, militärischer Rüstung, politischer Vorbereitung und geistiger Einschulung der Nation in Hoffnung, Haß und Opferkraft ihr Dasein gerechtfertigt und geadelt. In den siebziger Jahren gab man ihr, die, hinter der Hecke geboren, trübe Tatsachen und peinliche Erinnerungen verkörperte, nur ein kurzes Leben/ später verunzierten periodische Ausschläge wie der Panama- oder der Dreyfußhandel ihr niemals recht jugendliches Gesicht. Am Ende der fünfzig Jahre aber sind die Grenzen von 1870 wieder erreicht und überschritten. Ein fast unermeßliches Kolonialreich ist neu hinzugewonnen, dessen schwarze Söhne heute für sich allein genügen würden, den I^imes Impei-ii im entwaffneten Deutschland zu besetzen. (Und dabei sind es erst neun Jahre her, daß Kiderlen-Wächter im Reichstag das Vorhandensein einer schwarzen Armee höhnisch bestritt.) Die Vorherrschaft im Festlande Europas ist mit dem Niederbruch Deutschlands, Österreichs und Nußlands einstweilen erreicht. Welch eine Wendung! Das Problem ist nur, wie diese künstliche Verschiebung des Schwergewichts durch fortdauernde Niederhaltung des ganzen Nestes von Europa mit Hilfe von Tanks und Maschinengewehren verewigt werden könne?
Abhängigkeit von England schreckt die siegreiche Nation so wenig, wie die augenblickliche Verwüstung und Verarmung, mit deren standhaftem Ertragen sie den Erfolg bezahlt hat. Was England betrifft, so hat es seit Jahresfrist einen Spezialisten für Asien, nicht für Europa, zum Außenminister, und ihr Gegensatz gegen Nußland und Amerika in Außereuropa macht den Engländern die französische Bundesgenossenschast noch immer wertvoll. Deutschland kommt anderseits bei der Schwäche der französischen Flotte und ihrer Ungefährlichkeit für England als etwaige Spielfigur Englands gegen Frankreich so wenig in Betracht, daß Frankreich in Europa, insbesondere in Mitteleuropa ziemlich freie Hand und genügende Grmzboten III 1920 13