Beitrag 
Das asiatische Problem
Seite
95
Einzelbild herunterladen
 

Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling

95

dafür, daß Rußland die Grenze des deutschen Volkstums achtet, auch über die jetzigen Grenzen Deutschlands hinaus. Den Friedensvertrag von Versailles werden wir nach bester Kraft erfüllen und uns durch unsere Arbeit Vertrauen erwerben in der ganzen Welt. Aber niemals wird sich ein Deutscher dazu bereit finden, Rußlands Feinden mittelbar oder unmittelbar zu helfen, solange Rußland unsere Grenzen achtet.

Uns liegt die große Aufgabe ob, die Lösung des asiatisch-europäischen Problems zu finden, soweit es im Gegensatz zwischen extremem Kapitalismus und seiner Verneinung, dem Bolschewismus liegt. Verfallen wir selbst dem uns wesensfremden Bolschewismus in irgend einer Form, entwickeln wir nicht aus uns selbst und in unserem Volke die Lösung der großen Frage der verantwort­lichen, freudigen Teilnahme aller Schichten des Volkes und jedes einzelnen am wirtschaftlichen und öffentlichen Leben, so ist unsere Zukunft dahin, so gehen wir unter in einer Bewegung, die uus tötet und verschlingt, weil sie unserer Wesensart nicht entspricht. Die religiöse Auffassung des Russentums läßt den einzelnen in der Allheit aufgehen, germanischer Glaube erblickt in der Erlösung des einzelnen, des Individuums den Weg zur religiösen Erlösung der Gesamtheit. Hier liegen die tiefsten Wurzeln der grundlegenden Unterschiede des russischen Bolschewismus gegenüber der germanischen Auffassung des Sozialismus. Beide Völker müssen den Weg gehen, der ihrer Eigenart entspricht. Die Frage, ob wir an unserer Eigenart festhalten und auf ihr weiterbauen oder ob wir von dem russischen Jdeenkreis überwunden werden, entscheidet über die Zukunft des Deutschen schlechthin, entscheidet darüber, ob wir dem asiatischen Problem gegenüber handelnd und schaffend uns behaupten oder leidend von ihm ver­schlungen werden. Sie entscheidet darüber, ob Deutsche und Slaven sich fördernd und gegenseitig ergänzend an der Zukunft bauen oder ob das Deutsche im Slaventum untergeht. In den innersten, den religiösen Kräften, im Behaupten der Eigenart und im Weiterbau auf ihr ist das Schicksal der Völker beschlossen.

Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling

tt9I5

von Franz von Stockhammern, Ministerialdirektor im Reichssinanzministerium

VI.

Luzern, den 30. Juni 1916. Was die politische Gesamtanlage anlangt, so sieht Graf L,, den ich im Auftrag Eurer Exzellenz besuchte, mit schwerer Sorge in die Zukunft. Er ist auf Grund der ihm von England zugehenden Nachrichten überzeugt, daß England noch einen weiteren Winter 1916/17 kämpfen will und befürchtet, daß es der englischen Diplomatie gelingen wird, die Verbündeten bei der Stange zu halten, ganz besonders nachdem ihnen der Gang der Operationen in der Bukowina und der Rückzug der Österreicher aus Oberitalien neuen Mut und neue Zuversicht eingeflößt hätten. Hierzu komme noch, daß, soweit er die Sache überschauen könne, die Ernte in