Biicherschan
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Bücherschau
Rettet Europa! Mit dem Begriff „Bolschewismus", der zum Schlagwort im Parteikampf herabgesunken ist, verbindet jeder einen anderen Sinn. Während die mehr wissenschaftliche Tätigkeit der deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas Wohl nur das Interesse der dieser Vereinigung nahestehenden Kreise fand, und während bei anderen Darstellungen mehr oder weniger die Parteibrille den klaren Blick trübte, liegt jetzt eine Schrift vor, welche uns das wahre Gesicht des Bolschewismus in seiner ganzen grauenhaften Furchtbarkeit vor Augen führt. Diese Broschüre wird verlegt von der „Einheitsfront", dem Organ des Volsbundes gegen den Bolschewismus. Der Verfasser, Hauptmann Franz Cleinow, wendet sich entgegen dem für unser innerpolitisches Leben so verhängnisvollen Grundsatz: „I^xtra trsvtionem nulia sxss salutis" mit dem Titel: „Rettet Europa! Erlebnisse im sterbenden Rußland" an „Bürger und Arbeiter aller Parteien".
Erst zaghaft bricht sich die Einsicht in den bürgerlichen Parteien Bahn, daß der Krieg, welcher das innerste Leben aller Mitkämpfer in einer bisher ungeahnten Weise aufgewühlt hat, eine Arbeiterschaft heranerzogen hat, welche unvergleichlich mehr als vor dem Kriege über die Probleme des staatlichen Lebens nachdenkt. Nur wenn das Bürgertum mit dieser Arbeiterschaft zusammen an der Lösung der gewaltigen Aufgaben mitarbeitet, nur dann kann die innere Geschlossenheit wieder erreicht werden, welche allein Deutschland vor dem Untergange bewahren kann. Reißen wir die Binde von den Augen: Wir wandeln am Abgrund! Alles Debattieren, ob die Form des russischen Bolschewismus schon in Deutschlands Gauen sich auswirkt oder nicht, es ist gegenstandslos: der Bolschewismus im russischen Urzustände hat sein mord- beladenes Haupt bereits im Nuhrgcbiet und im Erzgebirge erhoben, getreu dem russischen Vorbild. Wie dieses aussieht, das zeigt uns die Cleinowsche Schrift.
Der erste Teil der Schrift, welcher uns die persönlichen Erlebnisse des Verfasser« übermittelt, ist um so wichtiger, als die Knebelung der bolschewistischen Presse nur
solche Nachrichten in das Ausland passieren läßt, welche im Sinne der Propaganda wirken, die als erste Großmacht des heutigen Nußland für die Idee der Weltrevolution im bolschewistischen Sinne die gleiche Rolle spielt, wie Northcüffe für den Entente-Imperialismus. Wer selbst jahrelang im fremden Lande das schwere Los eines Gefangenen ertrug, kann eS in tiefster Seele nachfühlen, was hier in so selbstverständlicher Form ohne jede Sentimentalität berichtet wird. Es ist schwer wiederzugeben, man muß es lesen, wie Cleinow als wehrloses Opfer in den mörderischen Händen der Tschcka-Henker nach gräßlicher Abschlachtung von Frauen und Kindern vor seinen eigenen Augen jenen letzten Gang antrat, von dem ihn nur ein Zufall rettete. Sarkastisch bemerkt der Verfasser zu dieser radikalen Mordpolitik: „Sie wollen zunächst Ruhe um jeden Preis, und das haben sie erreicht." (S. 12.) -
Der wirtschaftliche Teil bringt den Kern- Punkt in der Beurteilung der gesamten russischrevolutionären Erscheinung. 80 Prozent der Bevölkerung sind Bauern, welche sich durch Eigenproduktion am Leben erhalten und ihre sonstigen Gebrauchsgegenstände auf dem Wege des Tauschverkehrs mit ihren Produkten erwerben. Lediglich auf diese Weise ist das Durchhalten der bolschewistischen Herrschaft bis heute zu verstehen. Der Todeskampf der restlichen 20 Prozent städtischer Einwohner entzieht sich der allgemeinen Beurteilung. Was aus dieser Tatsache jene Richtung zu lernen hat, welche auf den von Nahrungsmitteln entblößten deutschen Industriestaat das russische Vorbild übertragen will, in kritikloser Photographie des russischen Phänomens wie schon 1906 bei der erstm russischen Revolution, dürfte sonnenklar erscheinen.
Was Cleinow serner über Bewährung oder vielmehr völlige Zerstörung der russischen Industrie durch die neuen „erleuchteten" Methoden zu sagen hat, ist wertvolles Tatsachenmaterial, über das wohl auch unser Neichs- wirtschaftsrat bei der Wesensglcichheit der Probleme nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen darf. Dem hier erst an dritter Stelle behandelten Transportwesen