24
Offenherzigkeiten
Offenherzigkeiten
von Mulay Hassan Erinnerungen und Analogien
Beträchtliche Ereignisse werfen nicht nur ihre Schatten voraus, sondern pflegen auch rechtzeitig für ebenso eindrucksvolle wie prophetische Symbole zu sorgen, Gütige Erlaubnis vorausgesetzt, sei es gestattet, die große Revolution des großen französischen Volkes mit unserem schlichten Bochesaufstand vom November 1918 in Beziehungen zu bringen. Vorm Bastillensturm war es Marie Antoinettes Halsbandgeschichte, die allen Gesinnungstüchtigen die abgrundtiefe Verfaultheit der herrschenden Klasse am erschütternden Beispiele bloßlegte. Unser roter Spießeraufstand hat es natürlich zu einem ähnlich stark phosphoreszierenden Verwesungsfanal, das seinen dunklen Weg weissagend beleuchtete, nicht bringen können. Er ließ es sich wohl oder übel an dem berühmten Krupprummel genügen, der wenige Jahre vorm Kriegsaubruch die liebe deutsche Öffentlichkeit beinahe so fiebernd wie Zubern erregte. Kruppsche Korruptionsonkel waren beschuldigt worden, die Beamten eines Berliner Abnahmeamtes dadurch zur Untreue verführt zu haben, daß sie ihnen gelegentlich einmal abends ein Paar warme Würstchen mit Kartoffelsalat und dem dazu gehörigen Glas Bier spendiert hatten. Bei Aschinger kostete dieser Genuß Anno 1910 etwa 50 bis 60 Pfennig.
Zwischen einem Wunder von Halsband und einem Paar warmer Würstchen bestehen zweifellos Unterschiede, wie zwischen einer in Schönheit strahlenden Kronenträgerin und einem schlecht rasierten, Röllchen tragenden Bureauassistenten, oder kürzer ausgedrückt, wie zwischen französischer und deutscher Zivilisation. Dennoch glaube ich, trotz der Marneschlacht und Versailles, um der historischen Gerechtigkeit willen, die inneren Ähnlichkeiten festhalten zu sollen. Der Nouhensche Halsbandschwindel ist, wenigstens soweit die Geschichtsschreiber und die Moralkritiker in Frage kommen, der armen Marie Antoinette nicht gefährlich geworden. Man hätte ihr aber in Paris den kleinen Spaß auch dann verziehen, wenn er schließlich nicht als Falle und Betrug entlarvt worden wäre. Denn sehr bald nach 1789 gab sich mit solchen Halsbandkleinigkeiten kein revolutionärer Franz Moor mehr ab. Um echte Republikaner vom Pfade der Tugend fortzulockcn, bedürfte es beträchtlich wertvollerer Kleinodien und größerer Summen. Ähnlich melancholisch wie die Cartos der Directoirezeit auf das arme Königsweib, blicken heute wir auf die Empfänger der Kruppschen warmen Wurst. Was ist es doch für ein herziges Deutschland gewesen, das unter solchen Korruptionserscheinungen litt und dessen freigcsinnte Leitartikler solche Drachen zu bekämpfen hatten.
Die neue 5äkularidee
Mit dein oft gehörten Vorschlage, der sogenannten Korruption tatkräftig auf den Leib zu rücken, will sagen, Masseneinsperrungen auf Jahrzehnte hinaus vorzunehmen, wird sich kein einziger befreunden. Schon der dadurch verursachten unüberwindlichen Schwierigkeiten im Baugewerbe wegen. Wer will denn die erforderlichen Gefängnisgroßstädte auftürmen, wer die Wohnungsnot noch durch eine Zellennot verschärfen? Viel eher würde es sich schon empfehlen, an Stelle der gerissenen Spitzbuben aller Couleur die übriggebliebene Handvoll dummer Ehrlicher hinter Schloß und Riegel zu bringen und ihnen dadurch den einzig möglichen Schutz vor Ausbeutung zu schaffen. Im übrigen tun unsere Richter den ihnen schandenhalber immer noch vorgeführten Korruptionssündern gegenüber ihre behördliche und beschworene Pflicht. Sie verurteilen, wenn auch ohne Glaube, Liebe und Hoffnung. Nur dem?oint ä'Lonnsur oder auch nur dem schönen Schein zu gefallen. Es ist wahrhaftig nicht allein der Umstand, daß die bestehenden Gesetze, die für eine paradiesisch harmlose Zeit geschrieben waren, auf die geldmachenden Herrschaften von heute nicht entfernt mehr passen. Selbst wenn es messerscharfe und