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Drinnen und draußen
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386 Drinnen und draußen

Drinnen und draußen

13. Juni 1920.

Stinnes. Aus dem Vielen, was in den letzten Wochen über die führende Persönlich­keit des deutschen Wirtschaftslebens anläßlich seines Eintritts in die Politik geschrieben worden ist, ragt durch sachliche Nüchternheit hervor, was Alfred. Lansburgh im Juniheft seiner ZeitschriftDie Ban!" schreibt:

Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, die den Stinnesschen Despotismus früher duldete, heute aber bekämpft, ist der Volks­wirt der Ansicht, daß das kapitalistische Prinzip, das hier in seiner höchsten Durch­bildung erscheint, gerade jetzt weniger schädlich ist als je zuvor. An der durch die Revolution, die aufgestachelte Begehrlichkeit der Massen, die schlechte Finanzpolitik und die Geldwirt­schaft korrumpierten deutschen Wirtschaft ist nicht mehr viel zu verderben. Wenn etwas diese Wirtschaft noch retten und zu der Leistungsfähigkeit emporzüchtcn kann, die der Friedensvertrag und die Übervölkerung Deutsch­lands notwendig machen, so ist es gerade diejenige Wirtschaftsform, die vor dem Kriege aus sozialen Gründen, insbesondere im Hin­blick auf die freie Tätigkeit eines kräftigen gewerblichen Mittelstandes, auf das schärfste bekämpft werden mußte, nämlich die Kon­zentration und der Großbetrieb. Die deutsche Wirtschaft muß heute rein rationalistisch arbeiten und kann sich den Luxus der Sentimentalität und der weitgetriebenen sozialen Rücksichtnahme nicht mehr erlauben. Das ist sehr traurig, aber es ist das Schicksal aller Revolutionen, daß sie den Versuch, ihre Ideale gewaltsam durchzusetzen, mit dem Verlust eines Teils des vorher schon positiv Erreichten bezahlen müssen. Viele Rücksichten, die uns früher zum Kampf gegen das groß­kapitalistische Prinzip zwangen, bestehen heute nicht mehr. Ist doch gerade der wertvollste Teil des selbständigen Mittelstandes, dessen Erhaltung ehemals eine Frage des Staats­wohls war, schon längst durch den Krieg, durch die aus der Geldentwertung geborene öffentliche Bewirtschaftung und durch den Stacheldraht der unzähligen Bcvormundungs- paragraphen, die nur dem Schwindel eine freie Entfaltungsmöglichkeit lassen, erdrosselt

worden . . . Damit verschwinden Rück­sichten, die sich früher dem Ultra­kapitalisten in den Weg stellten, und geben dem Prinzip Stinnes den Weg frei. Alles, was man heute noch hoffen und fördern darf, ist, daß die Jndustriemagnatcn, an welche die wirtschaftliche Hegemonie fallen wird, sobald Sozialisierung und Planwirt­schaft an sich selbst zugrunde gegangen sein werden, tüchtige Männer sind, die ihre Macht mit Verstand nutzen und die auch soviel soziale Rücksicht üben, wie die Überlegen­heit, die sie der deutschen Produktion um jeden Preis verschaffen müssen, zu üben irgend gestattet. Zum mindesten was die Tüchtigkeit betrifft, können wir ganz zufrieden sein, daß es Stinnes und kein beliebiger die Macht des Geldes wahllos mißbrauchender Dutzendmensch ist, der unserer Zeit den Stempel aufdrückt, denn niemand wird dem rastlosen Manne Weitblick und organisatorische Fähigkeiten ab­sprechen können".

Ein neuer Verbraucher. Der künftige Historiker wird bei Erforschung der Folgen des Krieges und der Revolution für die russische Volkswirtschaft vor allem auf eine neuartige, sehr mcrkwürdigeErscheinung stoßen: auf die Entstehung einer neuen Konsumcnten- schicht in Person der russischen Bauernschaft. Ungefähr seit Anfang 1916, besonders aber nach der Revolution, d. h. mit der immer weiter steigenden Teuerung, begann ein unaufhaltsamer Zustrom von Geld auf das flache Land. Die Industrie, di? fast ausschließlich auf Kriegslieferung eingestellt war und die nach der Revolution unter unaufhörlichen Streiks, unter der Verteuerung der Arbeitskräfte und unter dem Rückgang der Produktivität zu leideil hat, ^ die Industrie konnte dem flachen Lande nur einen geringen Teil der von ihm benötigten Waren liefern, und auch das nur zu beträchtlich er­höhten Preisen. Die Bauern, die aus der Stadt alles um vielfach gesteigerte Preise erhielten, begannen auch die Preise für ihre Produkte in die Höhe zu treiben; augen­blicklich haben diese Preise bekanntlich eine geradezu märchenhafte Höhe erreicht. Das