Das Wahlergebnis von O20
von Dr. Aarl Bernhard Ritter, Mitglied der preußischen Landesversammlung
er Sinn der Wahl ist klar, das Volk hat der bisherigen Regierungskunst eine unzweideutige Absage erteilt. Die Mehrheitsparteien, die schon lange vor dem 9. Novemben 1918, die seit dem verhängnisvollen Juli 1917 die Führung unserer Politik in den Händen hatten, sind den Aufgaben nicht gerecht geworden, die ihnen anvertraut waren. So lange sie mehr kritisierend und hemmend, nicht selbst zu positiver Leistung gezwungen ihren Einfluß auf die Geschäfte des Reichs geltend machten, wurden sie getragen von der immer wachsenden Schwäche und Müdigkeit des Volkes angesichts einer Kriegspolitik der kaiserlichen Regierung, der es an klarem Wollen und sicheren Zielen fehlte. Dann aber offenbarte sich die Gedankenarmut und Unfruchtbarkeit dieser Oppositionsstimmung, die ohne neue Wegs zu wissen sich haltlos von verschwommenen Hoffnungen und abstrakten Forderungen bestimmen ließ.
Der Zug nach rechts ist stärker in Erscheinung getreten, als man es selbst bei optimistischer Schätzung voraussehen konnte. Die Sozialdemokratie aller Richtungen hat einen nicht unbeträchtlichen Verlust zu verzeichnen. Insbesondere im Westen stimmt das Land, das im Frühjahr 19 durch den roten Stimmzettel seiner Kriegs- Verärgerung Ausdruck gab, nicht mehr sozialistisch. Die nüchterne Besinnung ist zurückgekehrt. Im Osten scheint freilich die Radikalisierung der Landarbeiter diesen Zug zu verwischen, soweit sich das aus den Mecklenburger Wahlen zum Beispiel ersehen läßt. Daß die U. S. P. D. anwächst — nicht so wie man in ihrenKreisen Wohl erhoffte — ist nur ein Zeichen dafür, daß der eigentliche Stamm der sozialistich erzogenen Arbeiterschaft dieHoffnungen aufdas wundertätige Erfurter Programm unentwegt festhalt, das ist die innere Schwäche dieser Partei, denn dieser Stamm würde vermutlich "ach einer Zeit unabhängiger Regierungsleistung abermals weiter nach links abwandern, soweit er dann nicht überhaupt am Marxismus zu zweifeln anfinge. Gut, daß einmal klar zum Vorschein kommt, wie gering die Zahl der Kommunisten ist. selbst wenn man berücksichtigt, daß sie bei anderer Zählart noch auf fünf weitere Mandate Anspruch hätten. Grenzboten II 1920 12