Beitrag 
Die religiösen Elemente des Kommunismus
Seite
274
Einzelbild herunterladen
 

274

Wcltspiegcl

muß, sogar ein einzelner Führer, die Diktatur übernehmen mutz. Die russischen Bolschewismen handeln also von ihrem Standpunkte aus gar nicht inkonsequent, obwohl sie jetzt so vieles verleugnen, was sie 1917 und 191K verfochten, und es wird ihnen wohl nicht so schwer werden, ihre Anhänger von der Berechtigung ihrer Taten zu überzeugen. Es ist also recht wohl möglich, daß die Diktatur Lenins und Trotzkis innerlich noch ungebrochen ist, und daß wir in Deutschland damit rechnen müssen, dasz sie schon am wirklichen Neuaufbau des Ostens schafft.

In Deutschland ist die Lage so, daß das Glückseligkeitsverlangen und das wenn auch noch so materialistisch verstandene, Erlösungsbedürfnis des Proletariats der Verbündete des Kommunismus bleibt, bis einmal eine bessere Religion bei den großstädtischen Massen Glauben findet. Die alte Sozialdemokratie aber wird vermutlich fortfahren, die chiliastischen Hoffnungen des Marxismus aufzugeben und seine revolutionistischen Züge hervorzusuchen. Schon im Erfurter Programm ist der Satz, daß Religion Privatsache sei, nicht der einzige bürgerliche Einschlag. Der ganze Eifer für die Demokratie und der Irrtum, daß die parlamentarische Republik schon die Verwirklichung der Demokratie bedeute, sind auf echt liberalem Boden gewachsen. Darum nimmt i>ie Sozialdemokratie heute auch teil an dem geistigen Stillstand des Liberalismus. Freilich darf man nie vergessen, daß hinter dem Liberalismus immer noch der große Humanitätsgedanke unsrer klassischen Zeit, das Ideal der freien, gebildeten Persönlichkeit, steht. Aber es sieht bis jetzt nicht so aus, als ob die Sozialdemokratie über jenes Kompromiß zwischen den Plattheiten sowohl des Marxismus wie des Liberalismus hinauskäme, mit dem sie auch den Kommunisten geistig unterlegen ist.

Caillaux. Am 17. Februar hat in Paris die Verhandlung der Haute- Cour gegen Cnillaux begonnen. Die außen- und innenpolitische Bedeutung dieses Prozesses soll erst nach seiner Beendigung gewürdigt werden. Zur Orientierung deutscher Leser jedoch iu dieser, wie sich erweisen wnd, auch für Deutschland wichtigen Angelegenheit, soll im folgenden für heute das Wesentliche aus der Anklageakte wiedergegeben sein.

Caillaux wird beschuldigt, seit Ausbruch des Krieges in Frankreich und im Auslande die innere Sicherheit des Staates durch gewisse Manöver und Machen­schaften, sowie durch ein Einverständnis niit dein Feind gefährdet zu haben, das dessen Absichten auf Frankreich und auf seine gegen den gemeinsamen Feind handeln­den Alliierten begünstigt habe. Caillaux soll auf eine offizielle französische Politik hingearbeitet haben mit dem Zweck, ihn wieder zur Macht zu bringen, um sogleich mit Deutschland die von diesem eingeleiteten Verhandlungen aufnehmen zu können. Die Verfolgung dieser Politik hat die äußere Sicherheit des Staates gefährdet.

Die Anklage gründet sich erstens auf gewisse Papiere, die Caillaux im Monat Septeniber einer Florentiner Bank anvertraute und aus denen die Absicht hervorgeht, sich mit Hilfe eines Staatsstreiches zur Macht zu ver­helfen und nach außen ein Friedensprogramm zu vertreten; zweitens auf von der Regierung der Vereinigten Staaten ausgefangene Kabeltelegrammc des deutschen Gesandten in Buenos-Aircs, Grafen Luxburg; drittens auf Caillaux

Weltspiegel