110 Richard ZVagner im Lichte älterer und neuerer biographischer Forschung
daß ein englischer Verlag die sämtlichen Merke Bojers in englischer Sprache herausgibt.
Der Erfolg der englischen Propaganda ist uns Deutschen trotz unserer ziemlich guten Kenntnis, mit welchen beispiellosen Mitteln England arbeitet, immer noch unverständlich. Denn wir glauben wohl an eine vorübergehende Färbung und Fälschung von Tatsachen durch fortdauernde Beeindruckung der öffentlichen Meinung, halten aber das dauernde Aufrechterhalten einer bewußten Fälschung für unmöglich. Das ordnet sich nämlich nicht in unsere Weltanschauung ein; und so werden wir uns immer verrechnen, wenn wir auf den endgültigen Sieg der Wahrheit vertrauen, solange uns dieser Sieg noch praktisch nützen kann. Für das englische Volk ist recht und richtig, was für England nützlich ist. In diesem Glauben eines großen Volkes liegt eine Macht, auf die ethische Erwägungen keinerlei Einfluß zu haben vermögen. Denn er wird von einer festen zielsicheren Politik getragen, ohne die überhaupt kein starkes nationales Selbstbewußtsein und damit auch keine erfolgreiche Auslandspropaganda möglich ist, — ohne die auch Deutschland das Ausland niemals wird beeindrucken und beeinflussen können.
Die Wurzeln der Auslandspropaganda liegen im Inland. Dort müssen wie die Bäche in einem Strom, die Bestrebungen und Unternehmungen zusammenfließen in einer Idee, die Kraft gibt und Kraft verlangt. Diese Idee kann heißen: „KiZIU or vrouA. countr^« — wenn sie ein ganzes Volk er» füllt, wird sie die Macht haben, andere zu beherrschen.
Richard Ivagner im Lichte älterer und neuerer biographischer Forschung
von Professor Dr. Ludwig Schemann (Frciburg i. Br.)
n die Ehren und Erfolge der biographischen Behandlung Wagners teilten sich bei uns bisher vorwiegend zwei Männer: K. Fr. Glasenapp und H. St. Chamberlain. Hiermit soll lediglich eine Tatsache festgestellt, keinerlei Werturteil ausgesprochen, am allerwenigsten den Leistungen anderer verdienter Wagnerforscher zu nahe getreten werden. Zwischen den beiden Genannten hinwiederum verteilt sich die gemeinsame Aufgabe, deren Naturell entsprechend, höchst un» gezwungen in der Weise, daß Glasenapp mehr die rein biographische, Chamberlain mehr die geistige Seite derselben zufällt. Von Glasenapp werden wir alsbald näher zu reden haben. Chamberlain an seinem Teile hat namentlich dem Ideengehalt der Kunstwerke, überhaupt aber der Wagnerschen Ideenwelt seine auS seinen anderen Werken bekannte glänzende Weise der Beleuchtung zuteil werden lassen.
Jetzt ist mit dem dritten Bande von Max Kochs .Richard Wagner") ein Werk vollständig geworden, das in mehr als einer Beziehung vollbürtig und eigen-
l) „Richard Wagner. Von Max Koch." Teil 1-3. Berlin 1907—1918. (Geist-»- Helden. Eine Sammlung von Biographien, herausgegeben von Ernst Hofmann. Band L5/SS, 60/61, 63/65.)