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Frankreichs deutsche Politik
Frankreichs deutsche Politik
eider läßt sich nicht über Deutschlands französische Politik schreiben. Es ist zwar möglich und wir wollen hoffen, daß die Regierung eine hat, aber erkennbar ist sie nicht. Mag sein, daß das Absicht ist. mag sein, haß es unvorteilhaft wäre, über die Ziele und Zwecke dieser Politik offen zu sprechen. Aber dann bleibt doch immer noch die Frage offen, ob gerade diese, von vornherein mit dem schwersten Mißtrauen in ihre Fähigkeiten belastete Regierung es wagen durfte, eine Politik einzuschlagen, über die sie nicht offen mit dem Volk sprechen kann, und ob sie sich damit nicht in die Gefahr begibt, daß Unwille oder Mißtranen ihr eines Tages vorzeitig das Ruder auS der Hand schlagen, ob nicht der deutsche Michel, endlich aus seiner Michelei erwachend, UntcrsuchungS- und Kriegsentstehungsakten dahin wirft wohin sie gehören: in den Winkel akademischer Spielereien, und statt dessen Vorlage der Akten über die cikiuelle Politik seit Waffenstillstand und Friedensschluß fordert, denen ein weit wesentlicheres Interesse zukommt. Kennt cr doch nicht einmal den Text wichtiger deutscher Noten, zum Beispiel der vom 22. September über die Umtriebe in den Rheinlanden und es hat, allgemein gesprochen, wenig politisch bewegte Zeiten gegeben, in denen Volk und Parlament so unzulänglich auf dem Laufenden gehalten wurden. Schon rein technisch ist die Arbeit deS Wolff-Bureaus eine Pfuscherei. Aber auch abgesehen von der Politik der Negierung, läßt sich kaum über deutsche Frankreich- Politik sprechen, da auch daS deutsche Volk keine hat. Wenigstens ergeben sich aus dem Vergleich der Forderungen idealistischer Nationalisten, praktischer Kaufleute und pazifistischer Arbeiter (um nur ganz roh drei Richtungen zu umreißen) so starke und unter sich unvereinbare Verschiedenheiten, daß man auch vom Volk nicht behaupten kann, es habe eine französische Politik. Es ist aber klar, daß wir aus diesem Chaos einander widerstreitender Meinungen herauskommen müssen, denn jede Politik ist besser als gar keine oder eine in sich widerspruchsvolle. Ebenso klar aber ist, daß man sich für eine solche bestimmte Politik nicht auf gut Glück oder aus der Tiefe eines sei es nationalistisch, sei es pazifistisch erregten Gemüts heraus entscheiden darf, sondern nur nach genauer Überlegung dessen, was man will und dessen, was man kann. Dazu aber ist, da wir unstreitig in der politischen Defensive stehen, nötig, daß wir zunächst das Spiel des Gegners betrachten. Was will der Gegner, wie spielt er und welche Kraft steht hinter ihm?
Zunächst eine Vorfrage: gibt es überhaupt noch eine vollständige französische Politik? Kann Frankreich noch wie es will? Seine Finanzen sind mehr als erschöpft, ein großer Teil seines Gebietes verwüstet, seine Volkskraft ist geschwächt und zu einem neuen Kriege vorderhand nicht fähig, seine Flotte ist England gegenüber ohnmächtig. Aber das hindert nicht, daß es Deutschland gegenüber ein starker Gegner bleibt. Es kann keine gegen England direkt gerichtete Politik durchsetzen, im Orient wie in Ungarn ist es in die Defensive gedrängt, aber Deutschland gegenüber hat es noch immer freie Wahl. Es ist durchaus noch nicht gezwungen, für England gegen Deutschland Bütteldienste zu leisten; da England ihm seiner eigenen Schwierigkeiten wegcn nicht helfen kann, ist es auch nicht abhängig von ihm, eine deutschfreundliche sowohl wie deutschfeindliche Politik liegen für es durchaus im Bereich der Möglichkeiten.
Bis jetzt ist diese Politik, offiziell wenigstens, deutschfeindlich gewesen. Es ist möglich, daß es in französischen Negierungskreisen Persönlichkeiten gibt, die für eine Verständigung mit Deutschland zu haben wären, möglich auch, daß Kaufleute drüben einzusehen beginnen, daß der Krieg einmal ein Ende haben muß, und daß man von einem bankerotten Schuldner dadurch keinen Gewinn zieht, daß man ihn auch noch totschlägt oder mindestens ins Gefängnis wirft, aber die offizielle Politik, und an diese allein dürfen wir uns halten, wollen wir