Vie akademische Jugend und die Parteien
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Die akademische Jugend und die Parteien
von Dr. Aarl Hoffmann
II. Gemeinschaftsgefühle und politische Kraft.
s gibt im studentischen Leben gewisse Erscheinungen, die von den Parteien und ihrer Presse meist unbeachtet bleiben oder in der Tat nicht bemerkt werden. Nichtsdestoweniger find sie — zwar unbewußt — ein'scharfes Merkmal positiver Regungen. Aber eben hierin, in der hochfahrenden Geringschätzung dieser Vorgänge und in diesen Vorgängen selbst deutet sich vielleicht der feinste heimliche Unterschied zwischen den überständigen und den keimhaft wartenden Kräften des politischen Schaffens an. Ich greife einige Beispiele heraus, wie sie mir gerade zur Hand sind.
Im vorigen Sommer begab es sich, daß eine neue studentische Vereinsart gegründet wurde, die „akademische Gilde Werdandi". Diese akademische Gtlden- bewegung. die aus der „Wandervogelkultur" hervorgegangen ist und sich zu dem überlieferten studentischen Verbindungswesen in einen gewollten Gegensatz stellt, erstreckt sich bereits auf fünf bis sechs Universitäten und führt dort in ihren Niederlassungen neben der Gesamtbezeichnung Werdandi auch die örtlichen Namen „Nibelung" und „Pachantey". Nur ein paar Provinzblütter brachten darüber knappe Notizen, und für den oberflächlichen Blick hat der äußere Eindruck dieser kleinen Neubildung ohne Zweifel etwas Erheiterndes. Trotzdem sollte man sie ernst nehmen. Denn sie ist ein Symptom von mittelbarem politischen Werte. Ihr charakteristischer Wert liegt weniger in den spreizend Zur Schau getragenen germanischen Urgefühlen voll dunkler mythischer Sehnsucht, die sich im Namen ausdrücken, sondern dieses völkische Gepränge weist nur auf den Weg. Und der Weg führt zunächst darauf, daß der innere Gegensatz zu dem studentischen Verbindungsleben nur ein scheinbarer ist. Denn die Neue Gilde ist selber eine Verbindung in der Linie der national gesonnenen Jugendströmung: es tritt in ihr bloß ein Verbindungsleben auf. das die formale Tradition abwirft und nach anderen Formen sucht und das doch wieder mit seinem Wandervogelhabitus auf ganz alte Traditionswerte, auf den Typus des fahrenden Scholaren, zurückgreift. Das Wesentliche aber liegt darin, woher und wie so etwas entstand.
Das ganze Gehaben verweist auf den rechten Flügel der Freideutschen und somit in einer weiteren Verfolgung der ersten Ursprünge aus die freideutsche Herkunft. Nun kommen die Freideutschen vom Freistudententum her, als dessen «lbart sie anfänglich, schon wenige Jahre vor dem Kriege, sich eingefunden hatten. Daraus ergibt sich also das Bild, daß letztens gerade aus der frei- studentischen Bewegung, die das Verbindungswesen nach und nach beiseite drängen, zersetzen und abschaffen wollte, eben doch die Grundidee dieses studentischen Verbindungslebens, die Idee der verschworenen Bruderschaft, von selber wieder hervortaucht und spontan sich ihre Gestaltung erzeugt. Das gleichsam irrationale und unableitbare Gefühl der Lebensgemeinschaft im brüder- «chen „Bunde", das die studentischen Verbindungen innerlich hält, ist aber ganz und gar ein organisches Gemeinschaftsgefühl, d. h. es ist. indem es sich instinkthaft auf die Tatsache einer einfach als vorhanden empfundenen Zueinander- gehörigkeit stützt und davon ausgeht, zugleich gemeinschaftsbildend, während die freistudentische Gedankenwelt mit ihrer kalt durchgelüfteten Verstaudeshelle überdeutlich von der mechanistischen Denkweise des endenden, neunzehnten Jahr-