Schuld des Liberalismus?
von Dr. Karl Buchheim
aß ein Volk nach einein Zusmnmenbruch, wie wir ihn erlebt haben, nach Sündenböcken sucht, ist zwar keine erfreuliche, immerhin aber auch keine verwunderliche Erscheinung, Soweit man dabei so ver ständig ist, nicht nach der Schuld einzelner Männer, sondern vielmehr der Systeme, Staats- oder Wirtschaftsei.irichtuna.en, Parteien und Weltanschauungen zu fragen, und dieses Suchen also der persönlichen Gehnisigteit und des gemeinen Pharisäertums entbehrt, kann es sogar notwendig und eine Voraussetzung zukünftigen Bessermachens sein. Daß man heute die deutschen Staatsverfassungen von ehedem, Misere militärischen und Verwaltungseinrichtungen einmal einer gründlichen Kritik unterzieht, kann nicht schaden, da wir doch einmal alles neu aufbauen müssen. Unter den politischen Anschauungen erfährt der Liberalismus die meisten Angriffe; er hat nach der Meinung vieler am gründlichsten abgewirtschaftet. Konservative Nationalisten nennen die Staatsmänner der Zeit des 'Weltkrieges liberal, die es nicht verstanden haben, das Reich zu retten; Antisemiten führen die Herrschaft des Schiebertunis auf die Einflüsse des judenfreundlichen Liberalismus zurück; Sozialisten geben ihm die Schuld an der Bedrückung der Arbeiterklasse, Klerikale (beider Konfessionen!) an der Glanbenslosigkeit der Zeit, an den anarchischen Zuständen unseres Geisteslebens. Ein besonders temperamentvoller Angriff auf den Libera- lismus ist im vorigen Jahre noch kurz vor dem Zusammenbruche der mitteleuropäischen Mächte von einem österreichischen Christlichsozialen Dr. Josef Eberle unternommen worden unter dem Kampfruf „Zertrümmert die Götzen!'")
Angriffe von katholischer Seite gegen, den Liberalismus und Modernismus überhaupt Machen ihre Sache gern insofern gründlich, als sie die Schuld an den Schyden des'Zeitaltcrs durchaus nicht diesem allein aufbürden, sondern von Erbsünde-aus der Zeit der Reformation und Renaissance reden. Eberle tut das auch. Es geht aber durchaus nicht an, die deutsche Reformation und den Liberalismus in einem Atemzug zu nennen. Die Liberalen selber möchten freilich Luther gern für sich in Anspruch nehmen, und die Katholiken möchten gern den Liberalismus des Geisteslebens und seine Auswüchse Luther in die Schuhe schieben. Die
^ Dr. Josef Eberle „Zertrümmert die Götzen I" Zwölf Aufsätze über Liberalismus und Sozialdemokratie. Dazu als Ergänzungsband von demselben Verfasser: Die Überwindung der Plutokratie. Vierzehn Aufsätze über Erneuerung der Volkswirtschaft und Politur durch das Christentum. Beide Werke Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck—Wien— München. 1918.
Grenzboten IV 191»
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