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Der Katholizismus und das deutsche Geistesleben
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Der Katholizismus und das deutsche Geistesleben

von Professor Dr. Fritz Härtung

e gefährdeter unser politisches Dasein wird, desto wichtiger wird für uns die Aufgabe, unsere geistige Einheit zu bewahren und zu entwickeln. Freilich schon beim Niederschreiben dieses Satzes erhebt sich die Frage, ob wir denn überhaupt eine geistige Ein­heit besitzen. Es find die Erinnerungen des Grafen Hertling^), die diesen Zweifel in mir geweckt haben. Das Buch ist eine recht unerquickliche Lektüre. Hertling zeigt sich darin als ein kleinlicher Geist von übergroßer persönlicher Empfindlichkeit, von eng begrenztem Jnteressenkreis, von sehr oberflächlichem Urteil. Es bezeichnet die innere Dürftigkeit seines Buches, daß wir über den Kulturkampf, den er an einem seiner Brennpunkte als Dozent an der Universität Bonn erlebt hat, überhaupt nichts Neues erfahren, weder neue Tatsachen, noch eine neue Beleuchtung der Dinge. Daß ihm durch den Konflikt zwischen Staat und Kirche der Aufstieg zu einer Professur erschwert worden ist. das erscheint in Hertlings Darstellung fast als die Hauptsache. Hertling ist eben ein unfreier Mensch gewesen, der den Dingen nicht selbständig gegenüber gestanden hat. Das wird auch durch die Art, wie er über Menschen spricht, bewiesen. Er ist ganz unfähig, das Wesen anderer Menschen unbefangen Zu beurteilen; ihre Stellung zur Kirche gibt allein den Ausschlag. Die leicht gekränkte Eitelkeit verstärkt den unangenehmen Eindruck dieser Lebenserinnerungen. Man wird natürlich den zweiten Band abwarten müssen, bis man ein end­gültiges Urteil fällen darf. Einstweilen ist es unbegreiflich, wie ein solcher Mann Führer der Zentrumspartei, Ministerpräsident des zweitgrößten deutschen Bnndesstaates und in kritischster Zeit sogar deutscher Reichskanzler hat werden rönnen.

In erschreckender Weise zeigt dies Buch, wie ablehnend ein großer Teil der deutschen Katholiken schon 'lange vor dem Kulturkampf dem deutschen Geistesleben gegenüber gestanden hat. Es ist kein offener Kampf, hinter dem wenigstens Leben und Kraft stecken würde. So weit läßt man es nicht kommen. Man ignoriert, man sperrt sich ab. In dem Hertlingschen Hause, das durch die Mutter mit den Brentanos, mit Goethes Jugendfreundin Maximiliane La

o 2) G. v. Hertling, Erinnerungen aus meinen Leben (Kempten und München 1919, 884 S.).

Grenzboten IV 1919 7