Fiume
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Dies ist die Lage. Das Ziel wird sein, daß unsere Volksgenossen, die uns durch die neue Grenzregulierung politisch verloren gehen, innerhalb der dänischen Hoheitsrechte als kulturelle Minderheit anerkannt werden und ihnen außer dem freien Gebrauch der deutschen Sprache ein Eigenleben, namentlich auf dem Gebiete der Schule und Kirche, der Presse, des Vereins- und Versammlungswesens dauernd gesetzlich gewährleistet bleibt. Die Vorarbeiten zur Durchsetzung dieser Forderungen sind im vollen Gange. Möge Pflichttreue und geschlossene Teilnahme an der Abstimmung auf unserer Seite, staatsmännisch weise Zurückhaltung ans der anderen Seite für alle Zukunft verhüten, daß wir uns unser Ziel weiter stecken müssen. Sollte diese Hoffnung trügen, so werden wir der Worte Theodor Storms eingedenk sein:
„Wir haben Kinder noch, wir haben Knaben, Und auch wir selber leben, Gott sei Dank."
Fiume
as sich seit nun bald vier Wochen in Fiume begibt, bildet ein Probeexempel für die Wirksamkeit des Völkerbundes. Anspruch steht hier gleichberechtigt neben Anspruch, beide Gegner führen politische, militärische, völkische, moralische und wirtschaftliche Gründe ins Feld, beide fordern, was sie sich für durchaus berechtigt halten zu verlangen, beide sind einem Kompromiß abgeneigt: nun Völkerbund entscheide!
Der Völkerbund — im vorliegenden Falle Wilson, der die an sich unerhebliche Frage unvorsichtigerweise zu einer Prestigeangelegenheit hat werden lassen — ist — krank. Es ist, als ob die Weltgeschichte einen Witz machen wollte. Gewiß ist das ein Zufall, aber einer von jenen Zufällen, die wie ein Blitz in dunkler Nacht jäh die ganze Lage erhellen. Nach den Erfahrungen des Weltkrieges kann es als ausgemacht gelten, daß in Zeiten der Not, und gerade in solchen soll doch der Völkerbund seine ganze Wirksamkeit bewähren, nur ein Mann, ein einziger, die Geschicke eines Volkes in die Hände nehmen, selbst sehen, selbst hören, selbst entscheiden muß. Das wird trotz aller Betriebsräte schon bei jedem gutgeleiteten Unternehmen so bleiben, das wird trotz allem Parlamentarismus und trotz aller Nätesysteme auch in den Staaten der Zukunft der Fall sein. Frankreich ohne Clemcnceau, England' ohne Lloyd George, Amerika ohne Wilson sind gar nicht denkbar, und soviel man gegen diese Männer im einzelnen einzuwenden berechtigt sein mag, es ist kaum anzunehmen, daß es besser um ihre Länder stände, wenn diese diesen einzelnen nicht ihr Vertrauen geschenkt hätten. Auch Italien stände heute — das darf als ausgemacht gelten — anders da, wenn Givlitti sich hätte durchsetzen können und in Deutschland ist während des Krieges und schon vorher, in allen Lagern der Ruf nach dem einen Großen immer wieder laut geworden. Der „Zufall", der jetzt eingetreten ist, wird also auch in Zukunft immer wieder möglich werden und die Lage ist wegen ihres Beispielwertes wohl wert, eingehender betrachtet zu werden.
Was also ist eigentlich vor sich gegangen? Zwei Staaten haben ihre Sache vor den Gerichishof gebracht. Als die Entscheidung dem einen nicht gefiel, hat er trotzig den Gerichtshof verlassen. Mit Not und Mühe ist der Trotz gebrochen worden, sind neue Verhandlungen eingeleitet. Nun aber ist der eine, der wichtigste, ausschlaggebende Faktor im Hohen Rat nicht mehr personlich anwesend. Er ist auf Reisen, schwer erreichbar, dringend mit anderen Aufgaben beschäftigt, er wird infolge der Überarbeitung krank, ist verhcmdlungs- und entscheidungsnnfähig, hat aber keinen Bevollmächtigten ernannt, weil er m dieser überaus wichtigen Angelegenheit, an der in der Tat der Friede zweier, vielleicht mehrerer großer Staaten hängt, aus den oben angeführten Gründen die Verantwortung keinem andern überlassen kann und will. Die Entscheidung setzt aus.
Grenzboten IV 1919 6