290 Die tschechoslowakische und die deutsche Wirtschaftspolitik
Die tschechoslowakische und die deutsche wirtschaft-politik
von Martin Lhrenforth
öhmen war von jeher die schönste Perle in Habsburgs Krone, ^d» Kaum ein anderes Land ist mit so reichen Wirtschaftsquellen aller s^H Art gesegnet und zugleich von einer so arbeitssamen Bevölkerung I I bewohnt. Tazu verschont von den Schecken einer Revolution, von der Entente auf jede Weise bevorzugt, welche Zukunft mußte diesem jungen Freistaate bevorstehen? Und in Wirklichkeit? Sieht nicht der augenblickliche Zustand dieses Landes einem Bankerott verzweifelt ähnlich?
Das ist der Erfolg einer Politik, die geleitet ist vom Haß gegen jeden dritten Untertanen und von eigener Selbstüberhebung. Mit welcher Leichtigkeit meinten die Herren Krammarsch und Naschin alle auftauchenden Wirtschaftsprobleme lösen zu können. Die große I- flation des Papiergeldes, eine der unangenehmsten Folge der Weltkrieges, wird einfach beseitigt, indem beim Umtausch in die neuen Staatsnoten 50 Prozent zurückbehalten werden, ohne zu bedenken, daß es der Geschäftswelt gar nicht einfallen wird, sofort danach auch ihre Preise einzurichten. Und die Folge ist, überall größte Geldknappheit.
Auch das Kiiegsanleiheproblem ist schnell gelöst. Die tschechoslowakischen Bankinstitute bekommen einen geheimen Wink, so daß sie sich rechtzeitig ihres Kriegsaulechebesitzes entledigen können (denn alle waren im Besitze ganz ansehnlicher Mengen dieser Papiere, als sie noch eine angenehme Kapitalsanlage bedeuteten), dann behauptet der Staat eines Tages, da,j ihm die ganze Kriegs- anleihe überhaupt nichts anginge. So war man auf leichte Art diese große Schuld los und hatte zugleich den verhaßten Deutschen einen derben Schlag versetzt. Übersehen haben die Herren dabei ganz, wie sie bei dieser verkappten Konfiskation deuischen Eigentums, jede Ünt rnehmung und Arbeit ihrer deutschen Un eriancn lähmen. die sie zur Hebung ihrer Handelsbilanz so notwendig brauchen, und sich nebenbei auch ihre Hanptsteueiquelle verstopfen.
Noch gefährlicher wirkte jedoch auf die deutsche Industrie die Zollpolitik dieser Herren. Hermetisch wurde der Staat gegen das Ausland abgeschlossen. Die so dringend notwendigen Rohstoffe kamen nicht herein oder in ganz geringer Anzahl und zum Teil auf Schleichwegen. Der günstige Augenblick aus dem Weltmarkt ist verpaßt, und schon drohen Italien Deutschland und andere, die böhmischen Exporlindustrien überall zu verdrängen.
Plötzlich brechen die Folgen dieses Systems wie ein Gewitter herein. Die große Geldknappheit und das mangelnde Vertrauen zu den Sparkassen und ähnlichen Instituten mit großem Kriegsanleihebesitz zwingt zur Verkündung eines Moratoriums. Dieses wiederum, sowie die schlechte Handelsbilanz des Landes läßt plötzlich den künstlich hochgeschraubten Kronenkurs in ungeahnte Tiefen stürzen. Da hilft alles Suchen nach deutschen Jntrigen nichts, uner- bit-lich zeigt die Börsennotiz von Genf und Paris, daß so die Wirtschaftsführung nicht weitergehen darf.
Eine neue Staatsanleihe wird ausgeschrieben, selbstverständlich ohne die Deutschen vorher zu befragen. Sie könnten ja die Gelegenheit benutzen, die ungeheuren Ausgaben für das Heer und den gewaltig angewachsenen Beamten- apparat zu kritisieren. Wenn nun diese Anleihe ohne Hilfe der Deutschen den erwünschten Erfolg nicht bringen sollte, was dann? —