244 Frankreich und Elsaß-Lothringen
Frankreich und Glsaß-Lothringen
oll Elsaß-Lothringen aufhören, der Zankapfel zweier großer Nationen zu sein, deren Sprache und Nationalität von altersher auf seinem Boden vertreten waren, soll es aufhören, eine ständige Bedrohung des Weltfriedens zu bilden und auch im Frieden als nichts anderes zu gelten als ein Glazis gegen den Feind und Aufmarschgebiet für den Kriegsfall, dann darf nicht Waffengewalt und Sieg allein üoer sein Schicksal entscheiden. Die Bevölkerung, der von Gottes Gnaden und von Rechts wegen das Land gehört, das sie bewohnt, soll darüber entscheiden, wie sie ihre staatliche Zukunft geregelt wissen will und ihre Entscheidung soll unantastbares Recht schaffen." So lautete die Erklärung, die im Herbst 1918 von sämtlichen elsaß-lothringischen Neichstagsabgeordneten beschlossen, bald darauf jedoch wieder durch den Abgeordneten Ricklin umgestoßen wurde mit dem Hinweis, daß alles, was in Berlin und von der neuen Regierung in Straßburg unternommen würde, bei dem derzeitigen Stand der elsaß-lothringischen Frage, die durch Annahme der vierzehn Wilsonpunkte zu einer internationalen geworden sei, keinen wesentlichen Einfluß auf die Stimmung in Elsaß-Lothringen mehr ausüben könne. Dennoch betonte auch Ricklin, die Elsässer wollten selbst über ihr Schicksal entscheiden und hielten den Auftrag, dem Lande die politische Autonomie zu geben, für überholt. Auch in englischen und amerikanischen Kreisen war man, besonders vor dem über Erwarten furchtbaren Zusammenbruch Deutschlands dafür gewesen, daß die Elsaß-Lothringer, damit künftigen Nevanchekriegen vorgebeugt würde, selbst über ihre Staatszugehörigkeit entscheiden sollten. Die Franzosen dagegen hatten wohl jedesmal mit Behagen darauf hingewiesen, wenn in Deutschland ein elsaß-lothringisches Plebiszit von der Hand gewiesen wurde, waren aber, von Einheimischen wie Blumenthal und Wetterlö selbst gewarnt, vorsichtig genug gewesen, auf den Vorschlag eines Plebiszits nicht einzugehen, vorgeblich, um ihren „Rechtsansprüchen auf die „geraubten" Provinzen nichts zu vergeben, in Wirklichkeit aber, weil ihnen das Resultat einer solchen Abstimmung trotz aller durch die Härten des Kriegszufländes und mancherlei Mißgriffe im einzelnen wieder sehr hoch angeschwollenen Reichsverdrossenheit im Elsaß doch noch zweifelhaft erscheinen mußte. Im Grunde wollte im Elsaß, abgesehen natürlich von einzelnen Kreisen, denen dos oft genug aber leider vergeblich getadelte Verwaltnngssystem und mehr noch der Tenor dieses Systems unglücklicherweise immer neuen Propagandastoff lieferte, ja auch niemand so sehr zu Frankreich; was man wollte war im wesentlichen Autonomie, bundesstaatliche Selbständigkeit. Das müssen irgendwie auch die Franzosen geahnt haben, deshalb lehnte Nwot noch nach dem Siege den Gedanken der Abstimmung durch Hinweis auf Beteiligung des Elsaß an den Föderativfesten von 1790, durch die es sich für Frankreich entschieden habe, ab (in Wirklichkeit handelte es sich 1790, wie bereits die „Deutsche Allgemeine Zeitung" nachgewiesen hat, lediglich um eine Revolutionsfeier, bei der die Frage nach Deutschland oder Frankreich gar nicht gestellt war) und deshalb ergriff der schlagfertige Poincare die Gelegenheit, bei seiner ersten, einem Triumphzug gleichkommenden Fahrt durch die wiedergewonnenen Provinzen, angesichts all der hochgehenden Begeisterung laut und vernehmlich zu äußern: „VoilK le x»lebi3c!lel" Was brauchen wir noch eine Abstimmung, da haben wir sie ja.
Immerhin, den Amerikanern war nicht durchaus zu trauen I Darum entfaltete man jene in allen Ländern während des Krieges aufgekommene Rührigkeit uin jeden Preis, um das wiedergewonnene Land, das auf allen Propagandabildern als dem „poilu" unter Tränen der Rührung und des Dankes an die Brust sinkend dargestellt war, schleunigst und möglichst fest dem Mutterlande wieder einzuverleiben. Man kann sich denken, welch ein Nun jetzt auf die neuen Ämter einsetzte, wie Minister, Würdenträger und einflußreiche Deputierte mit Empfehlungsschreiben überschüttet, von Stellenjägern überlaufen wurden. Es bedarf auch keiner großen Sachkenntnis weiter, um zu ahnen, daß diese über-