Ungarn
219
diesem Falle ist also der gelehrige Schüler seinem Lehrer auf diplomatischem Gebiete mit guten Beispielen vorangegangen. Beiden Staaten wird dasselbe Schicksal beschieden sein, wenn eS auch in Persien schneller und gründlicher gehen dürfte als im Fernen Osten.
Wie bereits zu Anfang erwähnt, regt man sich jetzt in Paris künstlich auf- aber es ist dies weiter nichts als eine diplomatische Geste, die vielleicht zurückzuführen ist auf die „l^nion iranoo-persane", die sür den französischen Kultureinfluß in Persien kämpft und die die hervorragendsten Politiker Frankreichs zu ihren Mitgliedern zählt. Aber mehr wird man auch in Frankreich für das arme Persien nicht tun; vielleicht hofft man noch, durch diesen Entrüstungsschrei von England weitere Konzessionen in Syrien oder Afrika herauszuschlagen. Der Kuhhandel in Paris ist um ein weiteres klassisches Beispiel bereichert, der — bei uns — so gefeierte Völkerbund hat einen neuen Erfolg aufzuweisen: die Vernichtung der persischen Selbständigkeit. Vgl. Artikel 10 der Pariser Völkerbundsakte I
Ungarn
s wäre interessant, einmal dem Einfluß der Sommerfellen auf die Führung der Politik nachzugehen. In den großen Linien, ändert sich natürlich nichts, aber im einzelnen sind doch lehrreiche Hemmungen und Unklarheiten zu beobachten. Besonders die Arbeit der Presse läßt an Intensität zu wünschen übrig. Die großen politischen Mitarbeiter der Tageszeitungen gönnen sich Ruhe und schließen sich nach Möglichkeit hermetisch ab, die Berichterstatter verlassen ihren gewöhnlichen Standort und sowie etwas außerordentliches geschieht (was freilich gegen den Komnient ist) sind die Vertreter, die das alltägliche Getriebe aufrecht erhalten sollen, aufgeschmissen. Sie werden ängstlich, reden um die Sache herum, warten auf Direktiven und hinken auf diese Weise kläglich hinter den Ereignissen her.
Dieser Zustand wird besonders deutlich, wenn man die Diskussion der Aus- landspresse über das ungarische Problem verfolgt. Die Meldungen überstürzen sich, sind verworren oder nichtssagend, man möchte Sensationsblitze schleudern und tappt im Dunkeln, man möchte Stellung nehmen und fürchtet sich, dementieren zu müssen. Am besten — wir werden noch sehen warum arbeitet die italienische, Presse, am schlechtesten und verworrensten die französische — und auch das wird seine Gründe haben — aber im großen ganzen kann man sagen: die Kommentare der großen politischen Presse sind uninteressant, weil sie ziellos sind.
Aber vielleicht liegt es auch daran, daß die Regierungen keine Parole ausgeben und selber keine fest umrissenen Ziele haben? Versuchen wir einmal die Lage, soweit es auf Grund des keineswegs einwandfreien Nachrichtenmaterials möglich ist, zu entwirren. .
Der Hauptfeind, „der" Feind bleibt, nachdem Rußland, das den Balkan- konkurrenten los sein wollte, ausgeschieden ist. sür die Entente Deutschland. Um ihm den Weg nach Osten zu verlegen, mußte die österreichisch-ungarische Monarchie zerstückelt werden. Ideologen, die Politik auf Grund der Landkarte treiben, sprachen von der durch Litauen, Polen, Böhmen und das Südslawenreich ge- bildeten slawischen Barriere. Leider aber ergab sich dann, man kann sagen mtt mathematischer Notwendigkeit, der Anschluß Deutsch Österreichs an Deutschland,, den die Franzosen unter allen Umständen vermieden sehen wollten. Der Barrieren- Plan mutzte daher zurückgestellt und statt seiner ein Donaubund in Aussicht ge- nommen werden. Da dies praktisch aus ein durch Rumänien und Serbien ver°
18*