Der neue Umschwung in Südrußlcind
21!
hörte allerdings das Extraordinariat auf, Durchgcmgspostcn für junge Dozenten zu sein; was daraus wurde, war: Abfindungsposten für Mittelmäßigkeiten. Damit ist es in der Tat eine Quelle der Unzuträglichkeiten geworden, damit dann auch die durchaus abschaffungswürdige Institution. Aber daß man für alle diese Sünden die Schuldlosesten büßen läßt, ist nicht recht. Und daß man damit ausgerechnet diejenigen trifft, die die Zukunft der Hochschulen sind, ist nicht nur nicht recht, sondern mehr als dies: ist ein Fehler!
Andere mögen die Hochschulreform begrüßen und aus ihr Vorteile erhoffen. Für die Jugend innerhalb der Dozentenschaft bedeutet sie: Dcgradierung zu einer Probekandidatur, von vornherein zur Aussichtslosigkeit verurteilt. Es wäre sachlich richtiger, diesen Konsequenzen Rechnung zu tragen und gleichzeitig mit dem Extraordinariat auch die Privatdozcntur überhaupt abzuschaffen. Es mag ja sein, daß sich dann andere Formen eines akademischen Nachwuchses bilden, vermutlich, trotz aller Beschwörungen von oben, beamtenmäßigerer, assessoralerer, vielleicht auch bequemerer Art. Darum brauchen wir absterbendes Geschlecht uns nicht zu sorgen. Aber man schaffe klare Verhältnisse und schicke uns beizeiten nach Hause. Es wäre auch menschenfreundlicher: Hack' der Katze den Schwanz ab, hack' ihn aber gleich ganz ab!
Der neue Umschwung in Südrußland')
von G. Lrantz, Major im Generalstabe
darf Wohl als sicher gelten, daß Petlura Kiew wicdererobert hat.
klingt diese Nachricht nicht. Sowjetrußland, das
alte etwas verstümmelte großrussische Rußland, auf allen Seiten > von Feinden umgeben, ist nicht stark genug, sich gleichzeitig auf
Fronten zu behaupten, wohl aber seiner zentralen Lage nach
imstande, an den operativ wichtigsten Stellen seiner Peripherie mit überlegenen Kräften erfolgreich zu kämpfen. So kann man fast durchgehends feststellen, daß Erfolge an einer Front von Mißerfolgen an anderen Frontteilen begleitet sind. Nirgends lassen sich aber die erzielten Erfolge mit Nachdruck soweit verfolgen, daß der eben geschlagene Gegner endgültig abgetan wäre; denn inzwischen zieht an einer anderen Stelle die bedrohliche Lage Verstärkungen an. Und je nach der Initiative dieser nicht einheitlich und in planmäßiger Zusammenarbeit handelnden Gegner wechselt das Kriegsglück im Norden, Osten und Süden. Die Feinde Sowjetrußlands sind, einzeln genommen, den Bolschewiken nicht gewachsen. Zusammengeschlossen könnte es ihnen nicht schwer fallen, der Räterepublik den Garaus zu machen. Aber ihnen haften die Mängel des Koalitionskrieges in verschärftem Maße an. Der allen gemeinsame. Feind bedingt für sie noch lange nicht gemeinsame KriegszieleI Wie will man Polen, Esthen, Finnen, Koltschak, Denikin Und schließlich Petlura unter einen Hut bringen! Und selbst — wäre es politisch gelungen, militärisch diese heterogenen Elemente bei den gewaltigen Entfernungen und Verkehrsschwierigkeiten zu einer einheitlichen, Erfolg verheißenden Operation zusammenzufassen, das wäre zwar eine unendlich reizvolle Aufgabe, die aber Voraussetzungen fordert, die vorläufig nicht vorhanden find. Diesen von allen Seiten umspannten Koloß zu erdrücken, wäre ein Gegenstück zu Deutschlands militärischer Leistung, das sich vier Jahre gegen eine ähnliche Umklammerung mit Erfolg gewehrt hat.
») Vgl. Grenzboten 1919, Heft 27.